Montag, 18. Mai 2015

Was sie mir über meinen Sex erzählen

Oder: Warum Sex subversiv ist


Es ist nicht mehr die Frage, ob man über Sex spricht. Noch nie war Öffentlichkeit, Vermarktung und Sprache so sexualisiert wie heute. Es ist viel mehr die Frage, wie man über Sex spricht, welche Worte man wählt und – vor allem – was weggelassen wird. Denn letztlich dreht sich alles doch nur um männliches und heterosexuelles Begehren, die Darstellung von männlicher (heterosexueller) Sexualität und die Ökonomisierung privaten Lebens, des Begehrens und des eigenen Körpers. Nichts Neues, ich weiß.

Aber jetzt kommt der Spiegel ins Spiel – mit einer „Enthüllungsstory“ (Keine Angst vor der Wahrheit™) über die Frau an sich. Es wird fleißig getitelt:
  „Was Frauen wollen – Wie wild mögen sie’s, wie zart, wie oft? Forscher haben die Lust der Frauen vermessen und festgestellt: Sie sind beim Sex so mutig und selbstbewusst wie nie – und dennoch treu.“
(Puh, zum Glück ist sie trotzdem treu, wo würde das denn sonst auch hinführen!)

Im Rahmen des Titels hat Spiegel Online ein Interview mit der Psychotherapeutin Kirstenvon Sydow geführt, in dem es um die Studie "Studentische Sexualität im Wandel" gehen soll (Spannend, dass sich die Studie nur auf Studierende bezieht). Der Artikel, der ketzerisch „Vaginaler Orgasmus ist eine Legende“ genannt wurde, landet prompt auf Platz 1 der meistgelesenen Artikel auf Spiegel Online. Ja, wenn es darum geht, Frauen* ihre Sexualität, ihr Begehren und vor allem ihre Lust abzusprechen, geht sowas plötzlich ganz schnell. Ich seh schon diese ganzen Dudes vor mir, wie sie grinsend den Artikel verschicken und sagen: Guck, du kannst das gar nicht!

Dass Frauen* nicht als aktive Subjekte, die über eine Sprache für ihre Lust verfügen, sondern lediglich als Objekte des Begehrens wahrgenommen werden, ist nichts Neues. Sie müssen über perfekt zu vermarktende und stereotyp weibliche Körper verfügen, alles daran setzen, begehrenswert zu sein und dann den ersten Mann nehmen, der sich für sie interessiert. Sie sagen nicht, was sie wollen, sondern setzen alles daran, dem Mann zu dienen, sich zu unterwerfen und ihn zu befriedigen. Diese Gesellschaft mag vielleicht in den meisten  einigen Köpfen darüber hinweg sein, Frauen* in der Küche einzusperren und ihnen die Kindererziehung zuzusprechen, aber was sich auf Care-Arbeit bezog und nun als gewonnener Kampf der emanzipatorischen Entwicklung gesehen wird, ist nicht überwunden, sondern höchstens verschleiert. Verschleiert hinter Scham und fehlenden Worten und kleingeredet mit einer Trennung von Privatem und Politischem, ist Sex und das Sprechen (genauso wie das Schweigen) darüber immer noch das Moment des Patriarchats, das zwar am schwersten anzugreifen ist, aber gleichzeitig gerade deswegen das größte subversive Potential in sich trägt. Umso wichtiger ist der Satz „Das Private ist politisch!“, solange er erweitert wird durch „Und wie Du vögelst erst recht!“

Frauen* ihre Sexualität abzusprechen ist kein neues Phänomen. Im 18. Jahrhundert wurden weibliche „Erkrankungen“ wie etwa erotische Fantasien dadurch behandelt, dass Orgasmen mit diversen Hilfsmitteln herbeigeführt wurden. Man nannte diese „Krankheit“ Hysterie – umso mehr zeigt also auch am heutigen Sprachgebrauch, von hysterischem Verhalten zu sprechen, wie sehr sich die Unterdrückung von Frauen* und die Marginalisierung ihrer Körper im Alltag verankert haben. Der Arzt George Taylor erfand 1869 den „Manipulator“ (quasi den ersten Vibrator), der Frauen* die Hysterie austreiben sollte. Noch in den 1920er Jahren wurden Vibratoren als medizinische Instrumente beworben, die Hysterie vorbeugen und „Jugend und Schönheit“ von Ehefrauen* erhalten sollten.

Im Nationalsozialismus wurden Männer, die Sex mit anderen Männern hatten, nach Paragraf 175 verhaftet und in den Konzentrationslagern mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet. Sie wurden verfolgt, gedemütigt, eingesperrt und ermordet. Lesbische Frauen* dagegen wurden weder als lesbisch bezeichnet, noch wurden sie mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet. Dennoch wurden sie auf die gleiche Art und Weise verfolgt und ermordet – doch wurden sie als sogenannte "Asoziale" verhaftet und in die Konzentrationslager gebracht. Denn der Sex, den Frauen miteinander hatten, diente schließlich nicht der Reproduktion des "Volkskörpers", es wurde als "asozial" kriminalisiert. Es wäre unvorstellbar gewesen, sie aufgrund ihrer Sexualität zu verfolgen, denn damit hätte man ihnen doch zugesprochen, eine eigene Sexualität und ein eigenes Begehren zu haben. Sex zwischen Frauen*, der existierte in den Augen der Gesellschaft nur, um zuschauende Männer zu erregen. Eigene Lust? Hätte man sich nie eingestanden.

Dass Frauen* tatsächlich eigene Lust haben, wissen, was ihnen gefällt, wo sie berührt werden wollen oder sich selbst anfassen und sich artikulieren können, ist nach wie vor tabuisiert. Damit würde man sie in einem ganz anderen Licht sehen. Plötzlich müsste man akzeptieren, dass Frauen* Dinge nicht nur zur eigenen Reproduktion oder zur Befriedigung eines Mannes tun, sondern aus einer Lust heraus, die der eigenen Befriedigung und nichts anderem dient.

Und nun schreibt der Spiegel was über die Sexualität von cis-Frauen (die Frau an sich kennt nämlich nur ein einziges Begehren), muss aber im gleichen Atemzug noch betonen: Sie bleiben trotzdem treu. Wie groß wäre wohl der Aufruhr, wenn Frauen* sich so wie Männer schon seit langem, den Sex nehmen würden, den sie wollen, dann, wenn sie gerade Lust haben, sich durch die Welt vögeln würden, einfach, weil sie da gerade Lust drauf haben? Da, wo es gerade um die Befreiung als emanzipatorischen Erfolg des Feminismus geht, muss man gleich wieder eine Begrenzung schaffen: Treu bleiben sie trotzdem.

Warum ist es dem Spiegel wohl so wichtig, zu titeln, dass vaginale Orgasmen eine Erfindung sind? Es geht nicht darum, Frauen* zu empowern und ihnen zu zeigen, dass sie richtig sind, obwohl sie vaginal keine Orgasmen haben. Es geht darum, ihnen einmal mehr die eigene Sexualität abzusprechen, es klingt wohl eher nach: Macht euch keine Hoffnung! Beim Sex habt ihr eh keinen Spaß, also erwartet es erst gar nicht! Der Spiegel scheint weibliche Lust derart zu ökonomisieren und auf Leistung und Effizienz zu untersuchen, dass sie plötzlich messbar ist und vermessen werden kann. Klar, Frauen* haben keinen Sex, weil sie Spaß daran haben, sondern nur, weil sie damit entweder produzieren (Fortpflanzung) oder einen Mann leistungseffizient zum Orgasmus bringen wollen.

Vor Kurzem verfasste Alison Stevenson auf dem Vice-Blog den Artikel „Why I don’t give Blowjobs“, in dem wahrscheinlich mindestens tausend Mal so viel Wahres stand wie in der neuen Spiegel-Ausgabe insgesamt zwischen den Zeilen zu finden ist. Denn sie nimmt Raum ein. Sie wagt es, so egoistisch zu sein, wie es die meisten Typen sind, wenn sie beim Sex fragen, ob es „gut sei“, ohne auf eine Antwort zu warten. Und genau deswegen täuschen wohl auch Frauen* Orgasmen vor: Typen sollen wissen, dass sie’s können. Hier knüpft auch Kirsten von Sydow an. Denn auch sie stellt fest, dass sie viele Frauen* erlebe, die beim Sex alles mitmachen, weil sie Angst haben, den Partner zu verlieren.

Für Frauen* ist es oft undenkbar, das eigene Begehren zu formulieren und deutlich zu sagen, was sie erregen würde. Das gehört eben nicht ins Frauen*bild. Aus keinem anderen Grund benennt man die weibliche Vulva als „Scheide“ – das Ding, wo ein Schwert reingesteckt wird, eine andere Funktion hat die Schwertscheide nicht. Deshalb spricht man von einem „Jungfernhäutchen“, sodass Frauen*, sobald diese Haut gerissen ist, nicht mehr „unschuldig“ sind. Sex ist eine Sünde, die Frauen* (monogam, heterosexuell und treu) natürlich nur tun dürfen, um ihren Partner zu befriedigen. That’s it. Kein Raum für mehr, kein Raum für Worte, die beschreiben könnten, was sich gut anfühlen würde.

Erst hieß dieser Text nur „Was sie mir über meinen Sex erzählen“. Aber mich treibt der Gedanke um, wie wir aus all der Erniedrigung und dem alltäglichen Marginalisieren von Frauen* und Sexualität, Kraft ziehen können.

Denn ich glaube, dass Sex subversiv sein kann.

Warum löst lesbischer Sex wohl so viel Wut aus? Es scheint für einige Dudes unerträglich zu sein, festzustellen, dass sie gar nicht als sexuell interessant wahrgenommen werden. Unfassbar, Frauen*, die ohne Penis können! Eine Welt, die sich nicht um Penisse dreht! Frauen*, die nur miteinander schlafen und sich gegenseitig berühren, weil es ihnen gefällt, weil es Lust bereitet und sie erregt! Die Vorstellung, dass Frauen* dieses Begehren entdecken und feststellen, dass sie dafür gar keinen Penis brauchen, das muss der Untergang des Abendlandes sein.

Warum löst die Debatte um Sexarbeit so viel Wut aus? Nicht etwa, weil man Sexarbeiterinnen* beschützen möchte, wie es immer gern als paternalistisches Argument vorgehalten wird. Nein, es ist die Entkopplung von Sex von der Liebe und von Partner*innenschaft. Frauen*, die selbstbestimmt entscheiden, mit wem sie schlafen, die die Preise festlegen und entscheiden, zu welchen Handlungen sie bereit sind. Es sind die Sexarbeiterinnen*, die zeigen, dass es möglich ist.

Ich glaube auch, dass Sexualerziehung und das Lernen einer Sprache für Sex und den eigenen Körper ein subversives Potential beinhalten. Denn wir können es schaffen, Menschen eine Sprache finden zu lassen, Worte in den Mund zu nehmen und eigenes Begehren zu beschreiben. Frauen* wissen sehr wohl, was ihnen gefällt, wie sie berührt werden wollen und wie sie sich Sex vorstellen. Was wäre wohl, wenn wir lernen würden, das auch so zu artikulieren, wie Alison Stevenson es in ihrem Text tut? 

Ich bin mir sicher, dass dieses Potential besteht und diese Welt gewaltig ins Wanken bringen kann, wenn Frauen* sagen, was sie wollen und wie sie* begehren, wenn wir Konsensprinzipien verinnerlichen und als Voraussetzung für Sex sehen und jede Handlung, die wir wollen, auch mit einer Sprache bejahen, lernen, Sex zu bezeichnen und Begriffe wie Monogamie, Monosexualität und Treue neu diskutieren.

Montag, 27. Oktober 2014

Was Feminismus sein muss.

Die Vertretung von feministischen Positionen in der Gesellschaft erlebt ein ständiges Auf und Ab, ist von anderen sozialen Bewegungen abhängig und äußert sich oft in Bereichen der Sexualpolitik und/oder subkulturellem Aufbegehren.
Was momentan überall gefeiert wird, sind Publikationen und Einführungen verschiedenster Art, die Menschen für Feminismus begeistern sollen. Und zumindest für mich ist Feminismus erst zu etwas positiv Belegtem geworden, als er mir erklärt wurde, als ich verstanden habe, was ich damit zu tun habe und bestimmte Gesellschaftsstrukturen anhand dessen verstehen konnte. Ich musste erst lernen, Diskriminierung und patriarchale Strukturen in Worte zu fassen, um mich klar gegen sie positionieren zu können. Feminismus wurde für mich schnell zu einer Selbstverständlichkeit, aber vor allem auch zu einer absoluten Notwendigkeit. Ja, ich finde auch, dass es gut ist, Feminismus vielen Menschen (be-)greifbar zu machen. Aber die Art, wie es passiert, ist erschreckend. Nach all den Texten, die ich zu dem Thema in den letzten Wochen und Monaten gelesen habe, all den Workshops, die ich mir als Teilnehmerin* angeschaut habe, nach all den Diskussionsrunden, Vorträgen und Randgesprächen über Feminismus bleibt für mich eine verstörende Aussage, die so wenig mit Feminismus zu tun hat, dass ich mit einem verständnislosen Kopfschütteln zurückbleibe: Feminismus muss sexy sein.

Meist bleibt es nicht bei der Aussage, Feminismus sei sexy, es wird noch weiter ausgeführt: Feminismus sei keine Abkehr von Weiblichkeit. Damit wird nicht nur ein normierter Weiblichkeitsbegriff definiert, es wird vor allem eine Definition von „Frau“ übernommen und reproduziert, die im Patriarchat geprägt wird und keinen Raum für andere Weiblichkeiten oder eben auch nicht-weibliche Identitäten lässt. Wer Feminismus für sich und vor allem für andere als „sexy“ definieren muss, schafft Ausschlüsse und ein exklusives Verständnis von feministischen Forderungen.
Das Erklären von Feminismen ist dazu verkommen, über antifeministische und (teils) misogyne Vorurteile zu sprechen. Gewissermaßen werden Menschen darauf vorbereitet, mit welchen Stereotypisierungen sie konfrontiert würde, bezeichneten sie sich als Feministinnen* und lernen, ihren Feminismus über diese Stereotype zu definieren. Dabei geht die Erkenntnis um Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit von Feminismus neben anschaulichen bildlich geprägten Vorurteilen unter. Feministinnen trügen keinen BH, seien unrasiert, seien immer lesbisch und hassten Männer. Diese Vorurteile werden ausgesprochen, alle lachen herzlich und denken sich: Ach, aber so sind wir ja nicht [und deshalb sind wir ja auch besser]. Im Anschluss wird dann betont, dass Feministinnen* ja gar nicht so seien und dass gerade die, die eben nicht so sind, ein positives Feminismusbild vermittelten. Durch das ständige Reproduzieren von Vorurteilen, wird eine klare Abgrenzung und damit auch Herrschaft innerhalb der feministischen Kämpfe geschaffen. Die bösen Feministinnen* sind so, wir sind nicht so, wir sind besser, wir sind die guten Feministinnen*. Durch diese Spaltung passiert etwas Fatales und aus meiner Sicht absolut Antifeministisches: Lesbisch-Sein wird stigmatisiert und als etwas definiert, wovon man sich abgrenzen möchte. Körperbilder werden dermaßen reproduziert, dass Feministinnen* von anderen Feministinnen* die Selbstbestimmung über ihre Körper in Frage gestellt wird: Wer nicht dem entspricht, was als normschön anerkannt wird und die normierten Verhaltensweisen nicht für sich in Anspruch nimmt_ nehmen kann, wird zu einer Randgruppe jenseits des „Sexy-Feminismus“ marginalisiert.

Woher das kommt? Alles wird in dieser Gesellschaft, in diesem System, das an dieser Stelle wahlweise als Patriarchat oder Kapitalismus benannt werden kann, normiert, um sowohl Ein- und Zuordnung zu ermöglichen, als auch um durch Zuordnung Abgrenzung zu erzeugen. Sich einer Gruppe zuzuordnen bedeutet auch, sich von einer anderen abzugrenzen. Normierung und Normalitätskonstruktion durchziehen unser Leben. Auch Feminismen erfahren eine klare Normierung. Es wurde ein Feindbild geschafft, das derart verachtet und marginalisiert wurde_wird, dass andere Feministinnen* sich in Sicherheit wägen, indem sie sich klar davon abgrenzen. Feminismus ist eben nur okay, wenn er sich den gesellschaftlichen Normierungen fügt. Kritik kann nur so radikal geäußert werden, wie der Zusammenhalt innerhalb der feminstischen Community ist – und zumindest nach der zu Beginn dieses Textes geäußerten Einschätzung ist der Zusammenhalt momentan kein Fundament für (geschlossen geäußerte) radikale Kritik an den Verhältnissen.
Dass sich aber gerade Feminismus normieren lässt, um eine Existenzberechtigung durch Herrschende zu erhalten, sagt auf vielenkk Ebenen aus, welche Konsequenz dies hat: Dieser Feminismus ist kein Gegenentwurf zum Status Quo, dieser Feminismus verliert an Radikalität, er spaltet sich, um eine Legitimation im bestehenden System zu erhalten. Ein Feminismus im Kapitalismus spricht sich eben nicht frei von den beschriebenen Normierungen, er definiert sich über sie.

Feminismus braucht keine Stereotype, über die er sich definieren muss. Er braucht auch keine Hierarchien innerhalb, die sich über die Privilegien definieren, als deren Kritik sich Feminismus eigentlich begreift. Am wenigsten aber – und das ist die essentielle Grundannahme - braucht Feminismus meines Erachtens die Legitimation durch Menschen, die nicht von Sexismen betroffen sind, die von oben herab darüber urteilen, welche Forderungen legitim und welche zu radikal sind und die spalten, indem sie in „sexy“ und „nicht-sexy“ einteilen. Feminismus braucht keinen Zuspruch von Menschen, deren Herrschaften und Privilegien auf Unterdrückung fußen – er braucht nur den Aktionismus und die Bündnisbereitschaft jener Menschen, die marginalisiert und stigmatisiert werden, die sich Tag für Tag die Knie aufschlagen und dennoch wieder aufstehen.

Nichts muss Feminismus sein – und am wenigsten muss er sich den Verhältnissen anpassen und sie reproduzieren. Seine Aufgaben bestehen darin, Menschen die Definitionsmacht über ihre eigenen Verhältnisse zurückzugeben, Worte für Diskriminierungserfahrungen zu geben und Hierarchien_Herrschaften zu kritisieren und zu bekämpfen.  

Freitag, 12. September 2014

Separatismus als Bewegung der falsch verstandenen Freiheit

Von Philip Le Butt und Merle Stöver
Im August kamen fast 1000 Genoss*innen aus aller Welt im Rahmen des IUSY-Festivals nach Malta, um sich auszutauschen und die weltweite Zukunft der sozialistischen Bewegung zu diskutieren. Diese Zusammentreffen geben allen Teilnehmenden die Möglichkeit und den Raum, ihre Kämpfe sichtbar zu machen. Es hilft, neue Positionen kennenzulernen, zu erfahren, wie man Genoss*innen überall auf der Welt unterstützen kann und über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Es waren auch die Vertreter*innen verschiedener seperatistischer Bewegungen vor Ort. Die Frente Polisario tritt für einen unabhängigen Staat in Westsahara ein, die sozialistische Jugend Kataloniens für ein Unabhängiges Katalonien. In erster Linie galt: Zuhören, was jene Genoss*innen zu sagen haben. Aber nach schon kurzer Zeit stand für uns fest, dass diese Kämpfe nicht unsere sein können. Es wurden Nationen angepriesen, Kämpfe für neue Nationen als sozialistisch bezeichnet und tatsächlich antinationale Haltungen wurden zur Minderheit.

Am nächsten Donnerstag entscheiden 4,2 Millionen Menschen über die Unabhängigkeit Schottlands - die Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. An dieser Entscheidung hat sich ein Phänomen erneut entzündet, dass immer wieder vorkommt. Seperatistische Bewegungen werden als progressive Kraft verstanden und ihr Kampf wird als unterstützenswert gesehen.


Aktuelle Unabhängigkeitsbewegungen: Die falsch verstandene Freiheit

Separatistische Bewegungen entstehen aus historisch gewachsenen Konflikten, die es - natürlich - ohne das Konstrukt Nation in dieser Form nie gäbe. Oft einhergehend mit von Grund auf verschieden entstandener sozialer Ungleichheit und unterschiedlichen Feind*innenbildern, fällt es schwer, Unabhängigkeitsbewegungen zu vergleichen.
Und dennoch haben die Unabhängigkeitsbewegungen in Schottland, Katalonien und der Westsahara zwei markante Gemeinsamkeiten:

Alle drei vertreten ein national-identitäres Verständnis der eigenen Politik. Die Kämpfe für neue Grenzziehungen und neue Nationen äußern sich oft mit dem Schaffen einer gemeinsamen Identität, einer Identität, die von der alten Nation abweicht. Das bedeutet: Tradition, Hymnen, Fahnen, Sprache. Um von der Notwendigkeit des neuen Staates zu überzeugen, wird eine Identität geschaffen, die sich vor allem über Abgrenzung und Abwertung des alten Staates und teilweise der dort lebenden Menschen bildet. Auf IUSY-Festivals ist National-Symbolik verboten, denn wir wollen uns in unserer sozialistischen Jugendbewegung weder über Nation definieren und identifizieren noch wollen wir andere aufgrund ihrer Herkunft stigmatisieren. Und dennoch stellten die Teilnehmer*innen der Frente Polisario jeden Tag Westsaharas Farben auf Schals und Fahnen zur Schau. Nation wird durch ihre Demonstration konstruiert und zu einem sichtbaren Anliegen, das identitätsstiftend und exklusiv ist.

Außerdem erfahren die Bewegungen in Schottland, Westsahara und Katalonien nicht unerhebliche Unterstützung aus der politischen Linken. Doch woher kommt diese Verbundenheit der Linken mit separatistischen Bewegungen? 


Das Verhältnis der politischen Linken zu Nationalbewegungen

Die politsche Linke hat sich in der Vergangenheit häufig mit nationalen Unabhängigkeitsbewegungen solidarisiert. Aus einer antiimperalistischen Weltsicht wurden diese Bewegungen als Teil der revolutionären Kräfte gesehen - unabhängig, was für Inhalte diese Bewegungen im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik vertreten haben. Sie waren Bewegungen “gegen das System”, Bewegungen, die sich auflehnen.

In der Vergangenheit hat sich dieses in Unterstützung von Befreiungsbewegungen in den Kolonialstaaten, wie beispielsweise des Vietcong, FLN, ANC oder die MPLA, geäußert. Diese Bewegungen haben teilweise eine Geschichte krasser Menschenrechtsverletzungen, trotzdem wurde die Unterstützung im Prinzip nie reflektiert diskutiert.

Bis heute gibt es eine Tendenz sich an die Seite von Bewegungen zu stellen, die als unterdrückt wahrgenommen werden - unabhängig davon ob diese Bewegungen Frauen und LGBTIQ* diskriminieren oder Menschenleben pauschal aufs Spiel gesetzt werden.
Dieses Phänomen kann gut im Nahostkonflikt beobachtet werden, bei welchem sich viele Menschen, die sich selbst als links definieren, mit der Hamas solidarisieren, die Frauen unterdrückt und LGBTIQ*-Menschen tötet. Trotzdem wird die Hamas als eine antiimperialistische Bewegung gesehen und unterstützt, der Zionismus wird als “imperialistisch” abgelehnt - der Konflikt mündet in antisemitischer Hetze.
Und doch bleibt der antiimperialistische Diskurs einer, der Nationen bejaht, um andere Nationen zu schwächen. Er führt zu einem Mehr an Nationen und konzentriert sich doch nur auf Symptome eines falschen Systems aus konstruierten Nationen.


Ein deutscher Umgang mit Freiheit und Nation

An der aktuellen Debatte zur schottischen Unabhängigkeit lässt sich gut das deutsche Verständnis über die eigene Nation im Verhältnis zu anderen erkennen. Wie auch in anderen Fragen in der kürzeren Vergangenheit entsteht ein offen zur Schau getragener voyeuristischer Genuss am schwierigen Umgang andere Nationalstaaten mit seperatistischen Tendenzen - mit Arroganz und Geschichtsvergessenheit wird auf die Teilung anderer Staaten geschaut.

Viele Deutsche äußern sich in einer Art und Weise, die deutlich macht, dass sie sich darüber freuen, wenn sich Großbritannien auflöst. Dieses wird als gerechte Strafe für angebliche britische Überheblichkeit, das Verhalten der britischen Regierung, die britische Geschichte und das Ergebnis der letzten Wahlen gesehen. Frei nach dem Motto: “Geschieht ihnen recht!”

Diese Reflexe ähneln jenen, die geäußert wurden als Griechenland vom Höhepunkt der Wirtschaftskrise betroffen war. Das Leid der Menschen in Griechenland wurde marginalisiert und als gerechte Strafe für angebliche griechische Faulheit, der vorgeblichen Misswirtschaft der Regierung und

Es ist bemerkenswert inwiefern die meisten Deutschen sich zutrauen, ein Urteil über das Schicksal anderer Menschen zu fällen. Es darf nie vergessen werden, dass der deutsche Nationalismus in seiner Ausprägung besonders ausgrenzend auftritt.

Sicher ist die Ablehnung von Nationalstaaten zugleich auch eine sehr privilegierte Debatte, die wir aus der bequemen Situation als Deutsche heraus führen können. Wir müssen immer wieder darüber reflektieren, dass es viele Menschen gibt, die im politischen Kampf für ganz grundsätzliche Menschenrechte, wirtschaftliche Teilhabe und soziale Gerechtigkeit stehen. Für viele bedeutet dies auch den Einsatz ihrer Gesundheit, ihrer Freiheit und ihres Lebens.
Wir dürfen aber dennoch darüber nicht vergessen, dass die sozialistische Bewegung eine ist, die fortlaufend für eine neue Welt kämpfen muss - im Großen und Kleinen. Das Ziel einer sozialistischen Bewegung muss es sein, Grenzen zu überwinden und für eine neue Weltordnung der Freien und Gleichen einzustehen. Und diese, von der wir sprechen, kennt keine Nation.


Eine Welt ohne Nationen

Wir wollen eine Welt ohne Nationen. Eine, in der eine nationale Identität, eine Staatsangehörigkeit und der Ort der Geburt nichts über Menschen aussagt und sich alle Menschen frei bewegen können. Was wir brauchen, ist die Einsicht, dass Nationen konstruiert sind, dass sie irgendwann einen Zweck erfüllen sollten und keineswegs etwas Natürliches sind.

Wer sich als Separatist*in bezeichnet und für die Unabhängigkeit eines Staates einsteht, muss auch mit den Umkehrschlüssen leben, die daraus gezogen werden: Denn solange eine separatistische Bewegung für einen neuen Staat kämpft, solange begreift sie Nation als Freiheit. Eine emanzipatorische Bewegung kann keine sein, die für eine Nation kämpft. Unabhängigkeit scheint eine traditionell linke Idee zu sein, eine, die aus Unterdrückung und Ungerechtigkeit befreien soll. Und trotzdem reproduziert sie den Gedanken der Nation, eines naturalisierten Gebildes, dessen Abschaffung wenn überhaupt doch nur in weiter utopischer Ferne zu liegen scheint. Wir sehen einen Widerspruch zwischen Freiheit und Nation. Was wir brauchen ist nicht ein Mehr an Nationen, sondern die Dekonstruktion willkürlicher Grenzen, die Überwindung nationaler Identitätsbildung und den Kampf gegen strukturelle Diskriminierung aufgrund einer Staatsangehörigkeit.