Montag, 17. September 2012

Nein, ich will das nicht.

Manchmal ist es so einfach “Nein.” zu sagen. Nein, ich habe grade keine Zeit. Nein, ich bin nicht zuhause. Nein, du störst nicht. Ohne nachzudenken kann man Dinge ablehnen, sich ihnen entziehen und hat es auch ganz schnell wieder vergessen.
Und dann gibt es wiederum diese anderen Momente. Die Momente, in denen man kein “Nein.” herausbringt, in denen man hilflos ist oder in denen ein einfaches “Nein" nicht mehr ausreicht. In denen man auf einmal die Ablehnung mehrfach entschuldigen und erklären muss.

Und da, wo Frauen an die Grenzen der Definitionsmacht zu stoßen scheinen, da ist auch das deutsche Recht im Unrecht. Ein Beispiel, das mich wütend und fassungslos macht:
Eine 15-Jährige wurde vergewaltigt, der Täter wurde freigesprochen. „Wenn man etwas nicht will, muss man das deutlicher machen. Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte“, sagte die Richterin. Das Mädchen habe zwar gesagt, dass sie das nicht wolle, aber sie hätte doch kratzen können. Die Tür war auch nicht abgeschlossen, da hätte sie dann ja auch einfach weglaufen können. Geschrien hat sie auch nicht. Entschuldigung, aber in was für einer Welt und in was für einem Rechtssystem leben wir, wenn nichtkonsensualer Sex gebilligt wird, weil das Opfer nicht geschrien und nicht gekratzt habe und weil es nicht weggelaufen sei? Wie definiert diese Gesellschaft Vergewaltigung? Wenn der Täter so viel Gewalt anwenden muss, dass das Opfer still ist und sich nicht wehrt? Wer übernimmt hier eigentlich die Definitionsmacht? Sind das nicht zufällig die meist männlichen Richter, die wenig Ahnung davon haben, was Übergriffigkeit bedeutet? Nein, es sind nicht nur diese Männer mittleren Alters, selbst Frauen nehmen manchmal diese Haltung ein:
Gabriele Piontkowski, die Leiterin des Sonderdezernats “Gewalt gegen Frauen” sagte in einer Talkshow (damals in Bezug auf den Prozess gegen Jörg Kachelmann), dass man dann ja überlegen müsse, ob es “sich um eine Vergewaltigung oder Geschlechtsverkehr gegen den Willen der Frau” handle. Es gibt also nichtkonsensualen Geschlechtsverkehr, der keine Vergewaltigung ist?
Ich würde da viel weiter gehen: Definieren wir mal Übergriffigkeit - das bedeutet, dass eine Grenze, die von jedem Menschen unterschiedlich gezogen wird, übergangen wird.
Dass Grenzen oft nicht bemerkt werden - ob versehentlich oder ignoranterweise sei mal dahin gestellt - können viele Frauen bestätigen. Das ist keine Erfahrung, die man einmal macht, nein, die macht eine Frau öfter. Das sind keine Einzelfälle, das passiert vielen Frauen - und das eben auch nicht nur einmal.

Ich möchte mich nicht wehren müssen, wenn ich artikuliert habe, dass ich etwas nicht möchte. Ein “Nein, ich will das nicht.” muss doch wohl ausreichen und respektiert werden. Dem ist nicht so. Es ist so, dass der_die Stärkere gewinnt. Und grade hier wird auch deutlich, dass eine Frau als Nicht-Mann definiert wird, als die Person, die passiv ist und ausgesucht wird, mit der man(n) machen kann, was man will. Und es ist völlig egal, in welcher Situation eine Frau “Nein” sagt. No means no, always! Da gibt es keine Ausnahmen! Und nur ich allein habe die Definitionsmacht darüber, wo meine Grenzen sind und wie dehnbar sie für mich sind, das kann und darf mir niemand abnehmen. Deshalb müssen meine Grenzen auch genau so akzeptiert und respektiert werden, wie ich sie meinem Gegenüber zu Verstehen gebe. In dem Fall gibt es auch keinen Vergleich wie “aber XY hat das auch so gemacht” - Akzeptiert mich als einen Menschen mit einer eigenen Geschichte, als einen Menschen, der selbst darüber entscheiden kann, was in Ordnung ist und was nicht. Wenn ich “Nein, ich will das nicht!” sage, muss Schluss sein. Kein Aber.

Genau so muss ich mich nicht für meine Entscheidung rechtfertigen. Meine Ablehnung muss ausreichen und muss dann auch genau so akzeptiert werden. Allein ich entscheide, warum ich etwas in einer Situation nicht will. Wer eine Rechtfertigung fordert, warum ich körperlichen Kontakt ablehne, der greift meine persönliche Definitionsmacht über meine Grenzen an. Es ist meine persönliche Entscheidung und ich lasse mich nicht dazu drängen, mich zu erklären. Es ist völlig in Ordnung, in einem Moment keine körperliche Nähe oder was auch immer zu wollen: Sobald eine_r “Nein” sagt, ist Schluss. Wer dann zum zweiten oder dritten Mal nachhakt, wieso das denn jetzt nicht ginge, der drängt die andere Person in eine Situation, in der sie sich nicht wohlfühlt.

Ich will nicht, dass andere über mein Wohl zu entscheiden meinen. Nur weil ihr euch hervorragend in meine Situation versetzen könnt und meint genau zu wissen, was ich in diesem Moment brauche, heißt das nicht, dass dem auch so ist! Ich möchte nicht, dass irgendwer von sich auf mich schließt! Ich habe anderes erlebt, empfinde Dinge anders und behalte sie anders in Erinnerung, ich kenne meine Situation selbst am Besten. Natürlich ist es nett, mitfühlende Menschen zu kennen und um sich zu haben, aber Sätze wie “Ich glaube, du brauchst jetzt...” sind respektlos gegenüber meiner individuellen Entscheidung, bestimmte körperliche Distanzen einzuhalten. Es ist unreflektiert, zu glauben, dass die Grenzen aller Menschen die gleichen sind. Es geht nicht darum, wie gut etwas gemeint wird, sondern darum, wie es wahrgenommen wird. Fertig.

Und nun noch einmal zurück zu dem Freispruch in dem eingangs beschriebenen Vergewaltigungsprozess: Ich möchte nicht, dass andere über mein Verhalten urteilen und es als “falsch” beurteilen.
Natürlich hat jeder Mensch seine Gründe, in bestimmten Situationen auf eine Art und Weise zu handeln. Das Mädchen hatte Gründe, nicht geschrien und nicht gekratzt zu haben, sie hatte Gründe, nicht weggelaufen zu sein. Sie hat gesagt, dass sie das nicht wolle, reicht das nicht, um diesen Geschlechtsverkehr als nonkonsensual und damit als Vergewaltigung einzustufen? Wie kann jemand, der nie in dieser Situation war, darüber urteilen, wie sie sich hätte verhalten sollen? Klar, rational mag man sagen können, dass sie sich nicht gewehrt hat. Man mag auch sagen, dass sie in der Lage war, sich verbal zu wehren und dass sie deshalb sich doch auch nonverbal durch Kratzen und Treten hätte wehren können. Aber wann ist ein Übergriff oder in diesem Fall eine Vergewaltigung schon rational zu betrachten? Der Mann hat sie gegen ihren Willen - was sie auch geäußert hat - zum Geschlechtsverkehr gezwungen, ergo: Er hat sie vergewaltigt. Es ist respektlos dem Mädchen gegenüber, dass ihr die Schuld daran gegeben wird.

Jede Frau setzt sich unterschiedliche Grenzen. Wenn eine entscheidet, dass selbst eine freundschaftliche Umarmung zu viel Nähe ist, eine andere sich nicht ausziehen möchte und wiederum eine andere keine Hemmungen hat, muss das akzeptiert werden.
Ein Beispiel: Nur weil Person A und Person B konsensual rumgeknutscht haben, heißt das nicht, dass automatisch mehr passieren muss. Wenn Person A sich entscheidet, dass damit ihre Grenze erreicht ist und sie nicht weiter gehen möchte, ist das in Ordnung und muss nicht hinterfragt werden! Es muss auch nicht hinterfragt werden, wenn die Personen A und B schon einmal konsensual Sex hatten -  denn das ist keine Legitimation, es wieder zu dürfen! Genau so wenig ist eine Beziehung ein Freifahrtschein für jede sexuelle Handlung zu jeder Zeit. Es bleibt dabei: Ein “Nein” muss nicht erklärt werden.
Eine Frau kann anziehen, was sie will. Viel Haut, kurze Röcke oder tiefe Ausschnitte sind keine Einladung, respektlos zu handeln und heißen noch lange nicht, dass sie mit jeder_jedem Sex will und haben muss. Ein Beispiel dazu: Person A weiß über Person B, dass sie sexuell aktiv ist. Person B kleidet sich außerdem aufreizend. Das heißt noch lange nicht, dass Person B in irgendeiner Weise dazu gedrängt oder genötigt werden darf, sich mit Person A abzugeben. Sie ganz allein entscheidet, was sie mit wem wann will. Sie ist nicht dafür verantwortlich, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Die Frau, besser definiert als Nicht-Mann in diesem Fall, ist keineswegs passiv. Sie kann genau so aktiv entscheiden, was sie will.
Tut mir den Gefallen und reduziert Frauen nicht auf ihre Reaktionsmöglichkeiten. Wir lassen uns nicht (nur) aussuchen, wir können auch selbst aussuchen. Wir reagieren nicht nur, wir handeln auch. Wir sind ganz bestimmt nicht davon abhängig, von einem Mann auserkoren zu werden.

 Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob ihr richtig handelt, weil die Frau die körperliche Nähe vielleicht nicht erwidert und nicht explizit wünscht: Lasst es! "Nein" - ob verbal oder anders geäußert - heißt nein. Immer. Fertig.

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