Mittwoch, 3. Oktober 2012

Hemmungslos feiern wir unsere Hemmungslosigkeit - Von Trinkkultur und rape culture

Bunte Lichter, laute Musik, exzessive Tänze. Keine Sorgen, keine Pflichten, keine Ängste. An nichts denken und dafür alles doppelt so intensiv erleben. Warum trinken wir Alkohol? Wir wollen exzessiv feiern, Spaß haben, Menschen (neu) kennenlernen und uns frei fühlen. Wir wollen die Nacht zum Tag machen. Wir kommen Menschen nahe, deren Namen wir nicht einmal kennen, wir können uns nicht erinnern und nur der Kopfschmerz erinnert daran, dass die Nacht gut gewesen sein muss. Keine Grenzen, alles verschwimmt und Konsequenzen sind scheißegal. Man guckt sich die Menschen drum herum an, sieht vielleicht eine_n attraktive_n, das ist dann alles, was zählt. Das sind die unangenehmen Seiten am Feiern – zumindest für mich: Angefasst zu werden,  bedrängt zu werden, dem kaum entgehen zu können. Man versucht sich dann wegzubewegen, wegzudrehen, damit man sich dem nicht aussetzen muss. „Er ist ja schließlich betrunken.“ ist wahrscheinlich die einfachste Ausrede. Ja, er ist betrunken, deswegen hat er kaum Hemmungen, bemerkt die Ablehnung vielleicht nicht oder bemerkt sie zwar, ignoriert sie aber.
Trotz angeheiterter, aufgelockerter Stimmung gibt es Grenzen. Die mögen sich zwar verändern, aber nichtsdestotrotz bestehen sie. Und das muss respektiert werden. Wenn ich feiern gehe, dann will ich feiern und mich nicht eingeengt fühlen, weil ich nicht weiß, wie ich reagieren soll. Betrunken zu sein legitimiert keine rape culture!  In einer Gesellschaft, die sexuelle Übergriffe, ob körperlich oder verbal, akzeptiert, möchte ich nicht leben. Ich möchte nicht, dass ich mich damit abfinden muss, dass ich gehen muss, obwohl ich doch eigentlich gar nicht das Problem bin. Nein, nicht ich bin das Problem, nicht der Alkohol, sondern das, was wir aus uns machen. Das, was wir uns auferlegen, weil wir einer Norm der Trinkkultur unterliegen.
Unsere Trinkkultur bedeutet rape culture. Vielleicht sollte man das mal so deutlich sagen. Alkohol legitimiert Übergriffe, unangenehme Gespräche und Bedrängung. Diese rape culture betrifft uns alle: Die betroffene Person, die handelnde Person und diejenigen, die es sehen und nichts tun.
Ein Beispiel? Person A freut sich auf eine gute Party, tanzt und fühlt sich gut. Person B findet das attraktiv und will mehr. B tanzt A an, A findet das auch ganz nett, aber als Person B sie anfasst, wird ihr das zu viel. Sie dreht sich weg, nimmt eine abweisende Haltung ein, sie will ja schließlich keine Spaßverderberin sein, schließlich sind ja alle betrunken und locker. Sie will nicht verklemmt wirken (obwohl „Nein“ zu sagen natürlich eigentlich keineswegs verklemmt wäre!). Person B lässt nicht nach, andere sehen das, würden eigentlich eingreifen, wollen aber auch keine Spaßverderber_innen sein. Wer einschreitet, ist nicht hemmungslos. Und zu einer guten Party gehört es nun mal, hemmungslos zu sein. In diesem Fall haben dann alle sich der rape culture unterworfen, denn sie wollen die enthemmte Stimmung nicht kaputt machen. Durch den Konsum von Alkohol schaffen wir einen Raum, in dem Grenzen übertreten werden dürfen, weil man für alles eine Ausrede findet. Grenzen sind ein Zeichen von Verklemmtheit und würden bedeuten, dass die Party nicht gut genug ist.
Das Ganze ist auch nicht – wie viele jetzt meinen würden – chemisch zu erklären. Ich spreche bewusst nicht vom generellen Alkoholkonsum, sondern von unserer Trinkkultur. Die britische Sozialanthropologin Kate Fox hielt vor nicht allzu langer Zeit einen Vortrag zu Placebo-Experimenten und zur Wirkung von Alkohol. Sie verglich unsere Erwartungen an Alkoholkonsum und die tatsächlichen Effekte.
Auf der einen Seite steht unsere Trinkkultur: Wir gehen davon aus, dass Alkohol enthemmt, Appetit auf Sex und/oder aggressiv macht. Mit dieser Haltung, fangen wir an zu trinken. Und wenn man überzeugt davon ist, dass genau das passiert, dann wird man eben dieses auch erleben – auch nach dem Konsum von Placebo-Getränken. Den Proband_innen wurden nämlich zum Teil alkoholische und zum Teil nicht-alkoholische (aber vermeintlich alkoholische) Getränke gegeben und sie sollten sich selbst danach beurteilen. Auch diejenigen, die nur Placebo-Getränke bekommen hatten, fühlten sich enthemmter. Damit sollen die chemischen Einflüsse von Alkohol nicht relativiert werden. Natürlich hat Alkohol auch eine Wirkung auf den Körper und die Sinne. Körperliche Beeinträchtigungen sind keine Einbildung. Jedoch ist die Enthemmung durch Alkohol nicht chemisch sondern kulturell bedingt. Die Erwartung, lauter und ungehemmter zu sprechen, sexuell aktiver zu sein, asozial zu agieren – das alles ist kulturell. Das ist eben auch das, was Anti-Alkohol-Kampagnen uns vermitteln. „Wenn Du trinkst, dann tust Du Dinge, die Du später mal bereust/schlägst Du Dich mit Freund_innen/ vergisst Du zu verhüten/gehst Du mit Menschen mit, die Du nicht kennst/ whatever“   - das ist genau das, was uns Kampagnen wie „Kenn dein Limit!“ über große Leinwände erzählen wollen.

Also treffen wir uns, trinken und erhoffen uns, dass die Zwänge bald nachlassen, wir schwerelos  und enthemmter werden. Wer trinkt (in dem Glauben, Alkohol zu trinken), fühlt sich meist schöner und attraktiver. Die Selbstwahrnehmung ändert sich völlig. Man wird selbstbewusster und hemmungsloser. Aber man nimmt nicht nur sich selbst anders wahr, sondern auch andere Menschen. Menschen, die eigentlich feste Grenzen haben, müssen sich stärker wehren, um ihre Grenzen zu verteidigen. Oder sie lassen es, weil sie Angst haben, „verklemmt“ zu wirken, weil wir doch alle so enthemmt und in Feierlaune sind. Würden wir Körperkontakte, Bemerkungen und Erwartungen an „nüchternen“ Maßstäben messen, wären wir entrüstet, wie sexistisch auch die reflektiertesten Menschen werden.
So kommt es zu vielen Übergriffen, die akzeptiert und hingenommen werden. In der gelösten Stimmung verschieben sich Grenzen, viele würden etwas zulassen, was sie sonst nie gewollt hätten. Man selbst schätzt die eigenen Handlungen anders ein,

Wir legen Hemmungen ab – so sinnvoll sie auch sein mögen. Vielleicht sollten wir mal unsere Trinkkultur ablegen – weil sie sinnlos ist.

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