Montag, 19. November 2012

Die Schöne und das Biest - Part I

Auf einen meiner letzten Beiträge habe ich viele nachdenkliche Antworten bekommen. Das Thema Schönheit bzw. Schönheitsideale scheint viele zu bewegen. Ich habe mir jetzt noch ein paar Gedanken zu Schönheitsidealen gemacht. Denn schließlich kommen die gesellschaftlichen Ideale nicht von irgendwoher. Es ist ja kein Zufall, dass Frauen bis heute Nicht-Privilegierte sind, denen andere Eigenschaften zugesprochen werden und die mit Stereotypen belegt sind. Frauen müssen schön sein, aber nicht individuell schön, sondern sie müssen einem Maß der Gesellschaft entsprechen, dass kaum zu erreichen ist. Sie müssen schöner sein, als es die Natur erlaubt und hart dafür kämpfen. Wie es so weit kommen konnte, dass Frauen hungern, sich gesellschaftlichen Etiketten unterwerfen, verzichten, sich selbst hässlich finden und nie mit sich zufrieden sein können/dürfen und notfalls sogar Schönheits-OPs unterwerfen, habe ich versucht, darzustellen.

Let’s talk about herstory!

Die Frau war schon immer “das schöne Geschlecht”. Während Männern andere Attribute, zum Beispiel Macht, Führung und Dominanz vorbehalten waren, wurde die Frau oft auf ihr Aussehen reduziert - teils als Accessoire des Mannes und teils konnte sie aus ihrer Schönheit Kapital machen. Aus der Geschichte lernt man: Schöne Frauen haben Bedeutung. Nicht nur die Schönheit, sondern auch das Passiv-Sein wurde Frauen zugeschrieben - um eine schöne Frau kämpften die Männer. Es wird nie über die Frauen berichtet, die eine entscheidende aktive Rolle in der Geschichte spielten, sondern nur über die, die besonders schön waren. Die schöne Helena war die Auslöserin des trojanischen Krieges. Aber nicht, weil sie besonders weise, mutig oder intelligent war (jedenfalls spielt das in der Mythologie keine Rolle), sondern nur, weil sich zwei Männer um eine schöne Frau stritten. Eine schöne Frau als Zeichen der Macht und des Besitzes. Diese Zuweisung haben sich mit der Zeit nicht verlaufen - im Gegenteil: Es macht viel aus, wie eine Frau aussieht, wenn sie etwas erreichen will. Denn dem Erscheinungsbild des Körpers werden Eigenschaften zugeordnet. Wer schön ist, ist leistungsstark, zielorientiert und motiviert. Im Gegensatz dazu wird Menschen, die eben nicht schlank sind, vorgeworfen, sie seien faul und träge. Dass das so nicht auf Arbeitsverhalten übertragen werden kann, ist dabei doch offensichtlich. 
Kein Körper gibt Auskunft über die Kompetenzen eines Menschen.

Schönheit als Kapital der Gesellschaft

Für eine Wahl oder eine Beförderung muss oft nur eine Erwartung erfüllt werden: Mann-Sein. Es reicht, ein Mann zu sein, denn Männern werden Attribute zugesprochen, die dann nicht mehr hinterfragt werden. Frauen - und alle anderen Nicht-Männer - werden hinterfragt. Ob sie es wirklich leisten können, wird hinterfragt. Ob sie gut sind. Und dann spielt das Aussehen doch eine Rolle, auch wenn es nie jemand zugeben würde. Von der Gesellschaft als “attraktiv” definierte Frauen bekommen eher etwas, als diejenigen, die nicht in das vorgeschriebene Bild passen. Je länger wir uns mit Schönheit als festgeschriebene, von der Gesellschaft definierte Kategorie auseinandersetzen, desto wahrer wird das, was Michel Foucault Mitte des 20. Jahrhunderts sagte: “Mit dem Kapitalismus wurde der menschliche Körper vergesellschaftet”
Ich sehe einen erheblichen Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und den Idealen der Menschen und dem Leistungsdruck, der nun selbst die Körper von Frauen betrifft, deren Körper nicht ihr Kapital sind. Und wie es überall in unserem System passiert, nimmt der Kapitalismus auch im Bezug auf die Privatsphäre der Menschen einen immer weiter einschränkenden Lauf. Ein Beispiel? Früher ging es vielleicht darum, wer die teuerste Hose hat. Wer am meisten Geld hat bzw. wer am meisten Geld investiert. Geld war ein Statussymbol. Das zählt heute nicht mehr zwangsweise. Heute zählt, wer die engste Hose hat und wem sie am Besten steht. Nicht das Vermögen/die Investition ist das Kapital. Der Körper ist das Kapital. Der Körper ist das Zeichen dafür, wie weit man bereit ist zu gehen, wie konsequent man ist, wie leistungsstark man ist. Es zählt nicht mehr zwangsweise, wie weit man bereit ist zu gehen, um an Geld zu kommen, nicht mehr, wie hart man für Vermögen arbeitet. Es zählt, wie weit man bereit ist zu gehen, um einen schönen Körper zu bekommen, wie lange man hungert, wie hart man an sich arbeitet. Und ja, verdammt noch mal, diese Wendung ist verdammt gefährlich für uns, weil sie unsere intimsten Verhaltensweisen angreift und zunichte macht, weil sie Frauen an den Rand der Existenz treibt - nur, um schön zu sein. Die Schöne und der Kapitalismus. Die Schöne und das Biest. In diesem Fall verwandelt sich das Biest allerdings nicht für die Schöne, nein, das Biest wird immer biestiger. 

Hier geht's zum zweiten Teil.

Kommentare:

  1. Ich kann deine Meinung nur unterstützen. Gerade das "Kein Körper gibt Auskunft über die Kompetenzen eines Menschen." Unsere Gesellschaft wandelt sich immer wieder ein bisschen mehr zum positiven, wir können nur hoffen, dass sie sich auch irgendwann dahin wandelt, wo man Kompetenz tatsächlich an der Kompetenz misst und nicht am Geschlecht oder dem Aussehen.

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  2. Es gehört heute zum "Guten Ton" über anderer Menschen (meist Frauen) Aussehen zu urteilen. Ein ironisches Stichwort und ein Augenzwinkern reichen aus um von der Gruppe (meist Männer) allgemeine Zustimmung zu ernten. Das schafft Macht und Überlegenheit.

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  3. In Teilen stimme ich dir zu. Aber ist es nicht (ohne das jetzt explizit gut- oder schlechtzuheißen) viel mehr so, dass gerade in der heutigen Zeit die Anforderung "schön" zu sein an einen Mann weitaus stärker gestellt wird als noch vor Jahrzehnten? Unabhängig ob in Bezug auf Figur, Körperbehaarung, Hautpflege bis hin zu Kleidung und Accessoirs, ist "der Mann von heute" einem enormen Wandel ausgesetzt, der zu einer Art Angleichung der Ansprüche führt. Insofern halte ich das verstärkte Bewusstsein für "Schönheit" nicht mehr unbedingt für einen Mechanismus der Unterdrückung.

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  4. die Schönheitsideale Männer betreffend haben sich gewandelt bzw existieren inzwischen welche (in der aktuellen GEO gibt es einen Artikel darüber), auch Schönheits-OPs sind immer öfter auch für Männer Thema. Frauen sind aber nach wie vor viel mehr und stärker betroffen. Und einige (selbst in wissenschaftlichen Arbeiten) argumentieren tatsächlich damit, dass der Feminismus schuld daran sei, dass die Männer ihr Selbstwertgefühl verloren hätten und jetzt auf diesem Schöhnheitstrip sind. Na herzlichen Glückwunsch..

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