Dienstag, 5. Februar 2013

Wellen schlagen für einen emanzipatorischen Akt

Am 25. Januar um 1:26 Uhr, da ging es los. Unser Aufschrei. Und jetzt wird über uns geredet, überall. Gibt es eine Zeitung, die nicht darüber geschrieben hat? Gibt es ein Talkshow-Format, einen Sender, der es nicht aufgegriffen hat?
Es war ein gutes Gefühl, Erfahrungen loszulassen, Dinge rauszuschreien, die sonst nie jemanden interessiert haben. Die man nie loslassen konnte, weil sie nicht geglaubt wurden und weil es einfach so alltäglich war.
Es war empowernd, Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen, die sich in die direkte Diskussion in der Öffentlichkeit getraut haben wie zum Beispiel Anne Wizorek bei Jauch.

Mir wurde zu oft gesagt, dass es doch nur eine politische Diskussion sei, wie jede andere. Dass ich das nicht so an mich ranlassen sollte, dass ich es nicht persönlich nehmen dürfe. Aber: Das Private ist politisch. Jede Relativierung und jede höhnische Bemerkung haben mich direkt getroffen. Es geht nicht nur um meine politische Meinung. Es betrifft meinen Alltag und vor allem: Meine Überzeugung. Eine Überzeugung, für die ich täglich einstehe, die ihren Platz in meinem Leben hat. Meine Überzeugung, die mein Menschenbild prägt, die meine Vorstellung von Gleichheit, und damit auch von Freiheit und Gerechtigkeit prägt. Es geht um alles, was mein Leben ausmacht. Natürlich nehme ich das persönlich.

Aber jetzt ist es schon fast zwei Wochen her. Die Argumente wiederholen sich. Die Artikel und Blogeinträge ähneln sich.
Ich verliere die Geduld. Ich weiß, dass wir lange darauf warten mussten, dass alltägliche Unterdrückung endlich thematisiert wird. Aber ich kann die Argumente nicht mehr hören, kann mich nicht länger davon kränken lassen. Ich kann kaum noch geduldig antworten und erklären. Ich werde zunehmend sarkastisch, bin es leid, immer wieder die gleichen Sätze zu formulieren. Es fällt schwer, Dinge, die so selbstverständlich sein sollten, immer wieder zu erklären, als wäre das was ganz Neues, wovon noch nie jemand etwas gehört hätte.
Diese ganze Diskussion kostet so viel Kraft, dass ich keine Ahnung habe, wie lange ich das noch aushalte.
Das Problem ist nicht das Thema. Was so ermüdend ist, ist, wie die Diskussion geführt wird. Sie basiert auf Vorwürfen, auf den Versuchen, zu leugnen, dass es Sexismus gibt. Ich will doch nicht diskutieren, ob Sexismus existiert oder nicht! Dafür brauche ich keine Diskussion, dafür muss ich einfach einen Tag lang vor die Tür gehen, den Fernseher oder das Radio anschalten.
Ich will, dass Menschen begreifen, dass nicht meine Definition von Sexismus das Problem ist (“Du bist aber auch empfindlich!”) und dass auch nicht mein Verhalten irgendwas legitimiert (Blogartikel “Dann mach doch die Bluse zu!”). Natürlich ist es immer schwieriger, das eigene Verhalten zu hinterfragen, anstatt andere verantwortlich zu machen. Aber genau das bedeutet diese Sexismus-Debatte doch: Hinterfragt euer Handeln. Ich hinterfrage mich auch, natürlich. Ich weiß, dass ich nicht alles richtig mache. Ich weiß, dass ich teils auch sexistisch denke. Ich sehe Emanzipation - also auch Antisexismus - aber als einen Akt. Ich bin nicht von heute auf morgen losgelöst von meiner Sozialisation, bin nicht perfekt. Aber ich verwende meine Sozialisation nicht länger als Entschuldigung. Ich arbeite an mir und das würde einigen von euch auch verdammt gut tun.

Aber jetzt ist es wirklich schon fast zwei Wochen her, die Twitter-Welle hat auch aufgehört. Es schlägt Wellen, ja, aber es ist doch die Frage, welche Kraft diese Wellen haben und welches Ziel sie verfolgen.
Was kommt jetzt?
Wie geht es weiter?
Was passiert, wenn das Thema nicht mehr allzeit und überall präsent ist?
Was haben wir dann erreicht?

Und wo stehen wir in ein paar Wochen?

Ich will, dass wir nicht nur über Sexismus diskutieren. Ich will, dass wir Unterdrückung thematisieren. Eigentlich bin ich mir sogar sicher, dass Rassismus ähnlich - wenn nicht sogar genauso - funktioniert. Man sucht nach einem bestimmten Merkmal, das jemanden von sich selbst unterscheidet und nimmt es als ungeschriebene Abstufung von sich selbst. Deshalb frage ich mich: Wie können wir Privilegien umverteilen, Herrschaftsstrukturen auflösen und eine konstruktive Diskussion darüber führen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen