Mittwoch, 13. März 2013

Die Deutsche.

Ich bin noch nicht lange hier und merke trotzdem, was es hier heißt, deutsch zu sein. Ich bin heute den dritten Tag an meiner Arbeitsstelle in Pest an der Grundschule, fast alle Klassen kennen mich nun.

Dass ich aus Deutschland komme, spielt hier eine große Rolle. Vor allem ist es für viele etwas positives.
Zum einen werde ich natürlich nach der deutschen Geschichte gefragt. Ich wurde gefragt, ob ich Hitler auch so faszinierend finde. Oder was ich vom dritten Reich halte. Aber darauf war ich gut vorbereitet, dass ich mit solchen Fragen konfrontiert werde, war klar.
Die Antworten hatte ich mir auch ganz gut zurechtgelegt. Für jede Klassenstufe eine passende, für Erwachsene eine ausführlichere, für die kleinen Kinder kurze, verstaendilche Saetze. Das ist okay und das bin ich den Menschen als Deutsche schuldig. Ich komme aus einem Land, das für viel Elend hier in Ungarn verantwortlich ist.
Ich werde auch gefragt, warum ich nach Ungarn gegangen bin. Warum ich nicht in Deutschland bleiben will. Wieso ich ausgerechnet in das Land gehe, das momentan so große Probleme hat. Dafür haben die meisten hier kein Verstaendnis.

Aber was mich jetzt schon ein wenig nervt, ist, dass ich immer "die Deutsche" bin. Meinen Namen vergessen viele schnell, er ist hier auch sehr unbekannt. Dann heißt es "Heute kommt die Deutsche wieder in unseren Unterricht". Die Kinder freuen sich auf mich, vor allem, weil ich keine Lehrerin bin und deshalb wahrscheinlich ein bisschen lockerer bin. Aber ich bin die Deutsche, nicht Merle. Ich bin für sie repraesentativ für alle Deutschen. Das will ich nicht sein. Ich hoffe, dass sich das noch aendert.

Ich werde hier als Deutsche sehr gemocht. Nicht für meinen Charakter und meine Art, sondern dafür, dass ich deutsch spreche. Viele Menschen wollen sich mit mir auf deutsch unterhalten, laden mich zum Kaffee trinken ein, weil sie sich auf Deutsch mit mir unterhalten wollen. Sie wollen deutsch lernen, weil sie dann Aussichten haben, in Deutschland zu arbeiten. Ich bin ihre Chance, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, damit sie irgendwann hier weg können. Das geht vielen Menschen so. Sie sehen für sich keine Zukunft mehr. In meiner Klasse gestern haben wir auch über Studiengebühren gesprochen und darüber, dass Orbán will, dass die Studierenden nach dem Studium auch in Ungarn arbeiten. In Ungarn zu arbeiten heißt, ein geringes Gehalt zu bekommen, dass die Kosten in Budapest kaum deckt. An meiner Schule lernen die Kinder zweisprachig. Sie konnten sich aussuchen, ob sie auf deutsch und ungarisch oder auf englisch und ungarisch lernen wollen. So haben sie die Chance, nach dem Abschluss in Deutschland oder in einem englischsprachigen Land eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Denn wie gesagt: Wer hier kostenlos studieren möchte, muss danach auch hier arbeiten.

Dass ich deutsch bin heißt auch, dass ich von einer deutschen Institution bezahlt werde. Ich bekomme nicht viel für deutsche Verhaeltnisse. Das ist okay, denn ich bin auch keine ausgebildete Lehrkraft. Aber ich bekomme trotzdem mehr als die meisten Lehrer_innen hier. Ich bekomme etwa so viel wie ausgebildete Aerzt_innen. Und nebenbei sind meine Lebenshaltungskosten sehr niedrig, da ich ein oder zwei Mahlzeiten in der Schule essen kann und eigentlich nur abends selbst etwas kaufen muss. Mein Zimmer wird ebenfalls über die Schule finanziert. Deshalb bin ich die Deutsche, die Geld hat. Darauf spricht mich niemand an, was kann man daran auch aendern. Aber alle wissen es und für mich steht es immer im Raum. Ich werde in ein paar Monaten reisen. Nach Serbien, in die Slowakei, nach Bulgarien, nach Österreich, vielleicht auch nach Kroatien. Das können die meisten hier nicht. Deshalb steht es für mich im Raum und fühlt sich teils unüberbrückbar an.

Ich wusste vorher auch schon, dass ich Privilegien genieße, natürlich. Aber hier merke ich es in meinem Alltag. Weil ich immer diesen Besucherinnenstatus haben werde, dass ich hier wieder weggehen kann und dann wieder in Deutschland relativen Reichtum genießen werde.

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