Freitag, 22. März 2013

Getriggert.

[Für diesen Beitrag gilt eine Trigger-Warnung: Sexualisierte Gewalt wird sowohl im Text als auch auf dem Bild relativiert.]

Ich bin eigentlich weit weg von allem. Physisch sind es etwa 1500 km von Zuhause, psychisch ungefähr das 100-fache. Und das tut gut! Das tut unglaublich gut, gerade nach der anstrengenden, kraftraubenden #Aufschrei-Diskussion, die sich ja über Wochen hinzog und in der auf jedes kleine Hochgefühl wieder zehn Männer mit Macho-Gehabe folgten. Ohne Ende Trigger und Flashbacks und viel zu viel Scheiße. Und dann ging es auf einmal ganz schnell und nun bin ich schon zwei Wochen hier. Raus aus der öffentlichen Debatte, ein Neuanfang, unscheinbar und unbekannt sein. 

Aber ab und zu ist es wieder da, das bedrückende Gefühl und natürlich auch das Wissen, dass hier rein gar nichts anders ist als in Deutschland. Die Angst bleibt, wenn ich abends auf einmal alleine mit einem Mann in der Metro sitze. Die Angst bleibt, wenn ich abends an einer lauten Gruppe Männer vorbei zur Bushaltestelle muss. Die Blicke stören hier genauso. Das einzige, was sich verändert hat, ist, dass ich die Sprüche nicht mehr höre, weil ich die Sprache nicht verstehe. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Gut, um abzuschalten, loszulassen. Schlecht, weil sich Ungewissheit breit macht. Reden die über mich? Was sagen sie? 

Grundsätzlich fühle ich mich aber mittlerweile sicher. Und ich bin glücklich. Ich glaube, ich habe noch nie in so kurzer Zeit so oft gesagt, dass ich glücklich bin. Aber ich bin es wirklich und der Abstand tut einfach so gut!

Und jetzt kommt das Aber. [Trigger-Warnung]
Ich habe ein Bild von FearUs entdeckt, das ich an dieser Stelle nicht vorenthalten will. 
Quelle: fearus.org

Das holt mich einfach verdammt schnell in die Realität zurück. 
Mehr als ein Drittel der befragten Männer sind der Meinung Vergewaltigung ist "okay", wenn der Mann viel Geld für die Frau ausgegeben hat, wenn er so erregt ist, dass er sich selbst nicht stoppen kann, wenn sie auch schon mit anderen Männern Sex hatte, wenn sie betrunken oder stoned ist, wenn sie bestimmte Berührungen von ihm zulässt, wenn sie erst kurz vorher ihre Meinung geändert hat, wenn sie ihn verführt hat, wenn sie ihn erregt oder wenn sie sich schon öfter getroffen haben.
Die Zahl der Frauen, die dem zustimmen, schwanken, liegen aber kontinuierlich bei etwa einem Fünftel.
Wir haben es nicht gebraucht, aber das ist rape culture - schwarz auf weiß, Fakten. Und genau das holt mich zurück in die Realität.
Ich bin so müde, immer zu wiederholen, aber: Nein heißt nein, verdammt! Es ist nie okay, Grenzen zu überschreiten und ich kann einfach nicht begreifen, wie es sein kann, dass das überhaupt noch in Frage gestellt wird! Wenn jemand die Meinung nach einigen Treffen oder nach konsensualen Berührungen ändert, dann ist das ein Nein!
Es spielt keine Rolle, was sie trägt, wie viel Uhr es ist, was sie vorher irgendwann mit wem gemacht hat, wie oft man sich getroffen hat, welche Berührungen okay waren, wie betrunken jemand ist, wo vorher Grenzen waren.

Nein heißt nein.
Verbal und nonverbal.
Niemand hat das Recht, nachzufragen, warum das so ist.
Niemand muss sich rechtfertigen.
Das hat was mit Respekt zu tun. 

Und jetzt bin ich wieder an dem Punkt, an dem ich vor zwei Wochen nach Budapest gestartet bin. Irgendwie desillusioniert, weil so oft Dinge in Frage gestellt werden, die für mich einfach eine Selbstverständlichkeit sind. Raus aus dem Schutzraum, rein in die Realität. Rein in die rape culture. Rein in eine Norm, die sexualisierte Gewalt legitimiert, die sie als Teil der Normalität akzeptiert. 
Ich möchte nicht mit Menschen zusammen sein, die meine Grenzen nicht so, wie ich sie für richtig halte, akzeptieren. Ich möchte nicht in Frage gestellt werden.
Das Skurrile ist doch, dass ich immer frage, wenn ich etwas will. Wenn ich mit jemandem spazieren gehen will, nehme ich nicht einfach seine_ihre Hand und ziehe ihn_sie auf die Straße. Ich frage: "Wollen wir spazieren gehen?". Ich stelle alltägliche Fragen. "Kommst Du mit?", "Kannst Du das mal kurz halten?" "Willst Du auch ein Stück Brot?". Ich frage mich, wieso Menschen das nicht mehr auf die Reihe bekommen, wenn es um Körper geht. 
Ich komme darauf nicht klar. Blöde Welt.

Kommentare:

  1. Dazu fällt mir echt nichts mehr ein. Und das sind High School Schüler, die "junge Generation", in die bei jeder Debatte Hoffnung gesetzt wird, dass mit ihr alles besser wird..

    AntwortenLöschen
  2. Stimme dir bis auf einen Punkt zu. Jeder hat das recht zu fragen warum. Ob man dann eine ehrliche Antwort kriegt ist was anderes. Evtl. Hat man etwas gemacht was für einen selbst ganz normal ist, für den Gegenüber aber nicht.

    AntwortenLöschen
  3. "Nein heißt nein" ... Das würde Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ihre Ablehnung gerade nicht (verbal oder nonverbal) ausdrücken können, schutzlos stehen lassen.


    "Kein ja heißt nein" bzw. Keine explizite Zustimmung von allen Beteiligten heißt nein.
    Vielleicht ließe sich das noch weniger holprig formulieren, aber ich denke, die Intention dürfte klar sein.
    Ansonsten stimme ich zu.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, stimmt. Danke für die Rückmeldung, ich schließe mich dem an. Ich versuche demnächst noch etwas mit genau der Intention zu schreibn.

      Löschen
  4. Bin ganz schön platt, da fällt einem nichts mehr ein. Möchte aber noch hinzufügen dass, wenn ich das richtig verstanden hab, die daten bei einer befragung 1978 entstanden sind. die frage wäre, ob heute andere antworten dabei rauskämen... nach #steubenville vermute ich mal nein. schockierend.

    AntwortenLöschen