Mittwoch, 26. Juni 2013

Männer, die auf Brüste starren.

Dieser Text erschien zuerst in der Printausgabe des Debattenmagazins "The European". Der ursprüngliche Titel lautete "Die Macht der Norm".


Der Blick auf die Verteilung von materiellem Besitz und die Besetzung von Gremien lässt mich die Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland anzweifeln. Was gerecht ist, mag sicherlich strittig sein. Nicht in Frage gestellt werden kann jedoch, wer in (Um-) Verteilungsfragen am Hebel sitzt, bei wem also die Macht liegt.

Es ist nicht nur wichtig, wie Kapital verteilt wird, sondern auch, wer darüber entscheidet. Nach wie vor sitzen in den meisten Vorständen weiße, gesunde Hetero-Männer, alle anderen werden ausgebremst. Frauen beispielsweise scheitern spätestens an der gläsernen Decke, die eine Beförderung in Vorstandsposten nahezu unmöglich macht.

Gleichzeitig wird aber angenommen, dass Vorstände die Gesellschaft repräsentieren. Dies konstruiert eine Norm: Weiß, männlich, hetero und gesund – das sind die Voraussetzungen für Erfolg. Wer diese Norm nicht oder nur teilweise erfüllt, ist in vielen Bereichen unterschwellig, aber auch strukturell Diskriminierung ausgesetzt.

Wird über Sexismus diskutiert, lautet der Titel oft „Geschlechterkampf”. Dieser Begriff bricht das Problem auf eine Erscheinungsform herunter, erfasst allerdings nicht die Wurzel des Problems. Es geht nicht darum, Männer und Frauen gegeneinander auszuspielen, sondern um festgefahrene Machtverhältnisse.  Bei gleicher Qualifikation hat meist ein weißer Mann das letzte Wort. Und das, obwohl immer wieder betont wird, das Geschlecht solle keine Rolle spielen.

Der Vorwurf lautet: Die Wut der Frauen münde in einen Kollektivvorwurf an alle Männer. Nein, es gibt keine Kollektivschuld, aber es gibt ein kollektives Problem: Sexismus. Und diesen Sexismus üben meist Männer gegenüber nicht der Norm entsprechenden Menschen aus.

Als weißer, gesunder Hetero-Mann zu sagen: „Ich definiere mich als Mensch” ist einfach, weil man die alltäglichen entwürdigenden Situationen nicht erleben muss. Wahrscheinlich wurde man nie in der U-Bahn-Station gefragt, wie viel man für einen Blow Job nimmt, im Physik-Unterricht wurde man nicht in die letzte Reihe gesetzt, weil man aufgrund des Geschlechts dieses Fach sowieso nicht könne. Männer können sprechen, ohne unterbrochen zu werden und werden nicht aufgefordert, einen kurzen Rock zu tragen, um Erfolg zu haben.

Geschlecht wird erst dann zur Kategorie, wenn dadurch Benachteiligung entsteht. Wer nicht diskriminiert wird, muss sich mit Geschlecht oder Hautfarbe nicht auseinandersetzen.

Die Debatte über Sexismus ist von Verunsicherung geprägt. Das beginnt damit, dass das eigene Handeln in Frage gestellt wird. Alle müssen ihr bisheriges Verhalten reflektieren. Sie müssen sich Fehler eingestehen und verstehen, welche Auswirkungen Sie jeweils auf das eigene Umfeld haben. Das fällt aber schwer, weil das alltägliche Verhalten von der Gesellschaft anerzogen wurde. Der Fachbegriff für diese Akzeptanz von Sexismus ist rape culture. Grenzüberschreitungen und sogar sexualisierte Gewalt sind Teil dieses Gesellschaftsbildes. Öffentliche Räume werden von Männern für sich beansprucht: Platz wird eingenommen, Platz wird weggenommen. Es gibt  kategorische Strategien, um Sexismus-Vorwürfe zu verharmlosen: Das Opfer wird zur Täterin gemacht („Was hatte sie um die Uhrzeit überhaupt noch an der Bar zu suchen!”) oder es wird vom Thema abgelenkt.

Es wird nicht über Sexismus, sondern über den Einzelfall diskutiert – nicht darüber, wie Sexismus funktioniert, sondern lediglich, ob er existiert.

Eine Welt ohne Sexismus würde viel verändern

Macht ist ein sensibles Thema. Wer will sie schon abgeben, wenn er_sie die Macht erst einmal hat? Deshalb wird lieber über Einzelfälle gesprochen, anstatt Sexismus als Machtstrategie des Patriarchats zu begreifen. Und wer Sexismus anspricht, bekommt den Vorschlag zu hören, doch lieber über realpolitische Gleichstellung zu sprechen. Dort könne die Lebensrealität von Frauen wirklich verändern werden. Dabei wird ignoriert, dass jedes bestehende Machtgefälle durch Sexismus unterstützt wird und diese Diskussionen nicht getrennt voneinander  betrachtet  werden können.

Sexismus kann Machtgefälle auch künstlich erschaffen. Begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe, werden durch  sexistische Äußerungen Hierarchien aufgebaut. Das ist gerade in der sich emanzipierenden Gesellschaft auffällig. Ein Beispiel dafür? Politiker trifft Journalistin, beide machen ihren Job. Er ignoriert Grenzen, spricht sie auf ihre Brüste an. Er sexualisiert sie, hält sich nicht an Regeln des respektvollen Miteinanders.

Eine Welt ohne Sexismus würde die Lebensrealität vieler Frauen enorm verändern. Entweder macht es sich die Gesellschaft einfach, spricht weiterhin von bedauerlichen Einzelfällen  und redet sich dabei ein, dass alle Menschen gleich sind. Oder man begreift Sexismus als Problem. Ich habe genug Sexismus erlebt, um sagen zu können: Das sind keine Einzelfälle, Sexismus hat System. Ich hätte auf all die Erfahrungen wirklich gern verzichtet. Der Blick auf meine Brüste ist kein Kompliment, er reduziert mich auf meinen Körper. Ich will das nicht, Nein zu sagen ist mein gutes Recht.

Wir werden ein Leben lang mit Sexismus sozialisiert. Das heißt aber nicht, dass wir nichts dagegen tun können. Fangen Sie bei sich selbst an, hinterfragen Sie, wie Sie mit Menschen umgehen. Sexismus muss klar als solcher bezeichnet und aufgezeigt werden. Sprechen Sie Sexismus offen an. Auch auf die Gefahr hin, als Spielverderber_in zu gelten.

Und zu guter Letzt: Nicht diejenigen, die Sexismus ansprechen, sind das Problem. Sondern all jene, die Sexismus tolerieren und ihn mit ihrem Handeln reproduzieren.

Kommentare:

  1. "Weiß, männlich, hetero und gesund – das sind die Voraussetzungen für Erfolg."
    Wobei sich mir die Frage stellt, was Erfolg ist. Geld? Macht? Das Gefühl des Glücklich Seins? Oder vielleicht Zufriedenheit mit dem, was Mann/Frau ist, verkörpert, darstellt? Mhm...

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    1. Macht als die Position des Bestimmens über das Leben anderer Menschen. Sprich: Führende Positionen, Vorstände, Politik, Wirtschaft.

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  2. Hallo Merle,

    deinen Artikel habe ich über eine Diskussion dazu auf Facebook mitgekriegt. Dann habe ich mir überlegt, ob und wo ich wohl am besten dazu kommentiere. Dann habe ich erstmal zwei Abende aufgewendet um deinen Blog zu lesen, um zu versuchen zu verstehen was dich zu dem Artikel bewegt und ob meine Fragen nicht vielleicht schon von dir beantwortet wurden.
    Sowohl direkt beim European, als auch auf der Facebook-Seite ist mir aber ein bisschen zu viel los um meine Gedanken dazu los zu werden. Ich glaube nicht, dass ich dort eine Antwort auf meine Fragen bekommen würde, die mich weiter bringt.

    Aber genug mit dem Vorgeplänkel.

    Ich stimme dir vollkommen zu, was deine Analyse der Ist-Situation angeht. Es gibt einen nicht zu unterschätzenden Sexismus in unserer Gesellschaft, der sich in vielen verschiedenen Facetten zeigt. Du forderst jetzt (jede_n einelne_n) dazu auf das eigene Verhalten und die eigenen Einstellungen zu hinterfragen.
    Das Frauen das System Sexismus nicht unterstützen sollten leuchtet mir ein. Aber warum sollte jetzt der priveligierte weiße heterosexuelle Mann (bzw. die weißen heterosexuellen Männer, es müsste ja schon eine Mehrheit sein) sein Verhalten jetzt verändern? Er hat doch viele Vorteile (nicht nur, wenn er mal in die Verlegeheit komme in irgendeinen DAX-Vorstand zu wollen) und keine Nachteile davon das sexistische Verhalten und Weltbild das ihm mitgegeben wurde (das System Sexismus) weiter zu tragen.
    Selbst wenn es einige altruistische Männer gibt, die ihr Verhalten den Frauen zu liebe ändern, ich glaube nicht, dass das die Mehrheit ausmacht. Auch glaube ich nicht, dass eine Mehrheit der Männer sich auf Grund irgendwelcher volkswirtschaftlicher oder gesamtgesellschaftlicher Vorteile zu einer Änderung ihres Verhaltens bewegen lässt. Wo ist der individuelle Schmerz der Männer, auf Grund dessen sie sich verändern sollten? Wo ist der individuelle Vorteil für (sexistische) Männer, wenn sie das System Sexismus nicht länger unterstützen und mittragen?

    Ich hoffe du hast ein Antwort auf meine Frage.

    Gruß
    Malte

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    1. Lieber Malte, danke für Deine Rückmeldung! Hier ist in der Tat der sinnvollste Ort, um effektiv zu diskutieren/kritisieren und Rückmeldung zu geben. Die Posts vom European usw lese ich nicht mehr, weil ich dort eher als Person angegriffen werde, als dass es jemals sinnvolle Kommentare gibt.
      Zu deinem Impuls: Natürlich verlieren dann Männer an Macht. Aber ich glaube viel mehr, dass die meisten Männer sich dessen nicht bewusst sind, dass sie allein durch ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht, ihre Sexualität etc. schon privilegiert sind. Ich glaube, dass sie sich ihrer Position in der Gesellschaft nicht bewusst sind - jedenfalls die wenigsten. Woher auch? Sie mussten halt vieles nicht erleben und konnten das so leicht ausblenden. Genauso wie ich als weiße Frau den Rassismus nie erleben werde, den Schwarze in Deutschland erfahren müssen. Aber der Unterschied: Ich bin mri dessen bewusst und möchte Schwarzen Raum geben, diese Diskriminierung in Worte zu fassen.
      Wenn Männer sich dessen bewusst wären, welche Position sie in der Gesellschaft haben, würden sie sich wahrscheinlich erschrecken. Weil sie enorm einengen können. Also ich glaube nicht, dass momentan der Ansport fehlt sich zu ändern (um die Welt gerechter zu machen) sondern überhaupt das Bewusstsein dafür, dass eine Veränderung nötig ist! Klar, wer will so eine Position überhaupt erst mal abgeben, wenn man sie hat? Wer will wissen, dass nicht (nur) Qualifikation eine Rolle gespielt hat? Da gebe ich dir vollkommen Recht und hoffe auf Menschenverstand und darauf, dass es immer mehr Feministen unter den Männern geben wird, die daran arbeiten, dass irgendwann mehr Männer begreifen, dass Feminismus auch für sie eine Befreiung aus festgefahrenen Rollenbildern, in die auch sie gedrängt werden können, bedeutet.

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