Montag, 18. Mai 2015

Was sie mir über meinen Sex erzählen

Oder: Warum Sex subversiv ist


Es ist nicht mehr die Frage, ob man über Sex spricht. Noch nie war Öffentlichkeit, Vermarktung und Sprache so sexualisiert wie heute. Es ist viel mehr die Frage, wie man über Sex spricht, welche Worte man wählt und – vor allem – was weggelassen wird. Denn letztlich dreht sich alles doch nur um männliches und heterosexuelles Begehren, die Darstellung von männlicher (heterosexueller) Sexualität und die Ökonomisierung privaten Lebens, des Begehrens und des eigenen Körpers. Nichts Neues, ich weiß.

Aber jetzt kommt der Spiegel ins Spiel – mit einer „Enthüllungsstory“ (Keine Angst vor der Wahrheit™) über die Frau an sich. Es wird fleißig getitelt:
  „Was Frauen wollen – Wie wild mögen sie’s, wie zart, wie oft? Forscher haben die Lust der Frauen vermessen und festgestellt: Sie sind beim Sex so mutig und selbstbewusst wie nie – und dennoch treu.“
(Puh, zum Glück ist sie trotzdem treu, wo würde das denn sonst auch hinführen!)

Im Rahmen des Titels hat Spiegel Online ein Interview mit der Psychotherapeutin Kirstenvon Sydow geführt, in dem es um die Studie "Studentische Sexualität im Wandel" gehen soll (Spannend, dass sich die Studie nur auf Studierende bezieht). Der Artikel, der ketzerisch „Vaginaler Orgasmus ist eine Legende“ genannt wurde, landet prompt auf Platz 1 der meistgelesenen Artikel auf Spiegel Online. Ja, wenn es darum geht, Frauen* ihre Sexualität, ihr Begehren und vor allem ihre Lust abzusprechen, geht sowas plötzlich ganz schnell. Ich seh schon diese ganzen Dudes vor mir, wie sie grinsend den Artikel verschicken und sagen: Guck, du kannst das gar nicht!

Dass Frauen* nicht als aktive Subjekte, die über eine Sprache für ihre Lust verfügen, sondern lediglich als Objekte des Begehrens wahrgenommen werden, ist nichts Neues. Sie müssen über perfekt zu vermarktende und stereotyp weibliche Körper verfügen, alles daran setzen, begehrenswert zu sein und dann den ersten Mann nehmen, der sich für sie interessiert. Sie sagen nicht, was sie wollen, sondern setzen alles daran, dem Mann zu dienen, sich zu unterwerfen und ihn zu befriedigen. Diese Gesellschaft mag vielleicht in den meisten  einigen Köpfen darüber hinweg sein, Frauen* in der Küche einzusperren und ihnen die Kindererziehung zuzusprechen, aber was sich auf Care-Arbeit bezog und nun als gewonnener Kampf der emanzipatorischen Entwicklung gesehen wird, ist nicht überwunden, sondern höchstens verschleiert. Verschleiert hinter Scham und fehlenden Worten und kleingeredet mit einer Trennung von Privatem und Politischem, ist Sex und das Sprechen (genauso wie das Schweigen) darüber immer noch das Moment des Patriarchats, das zwar am schwersten anzugreifen ist, aber gleichzeitig gerade deswegen das größte subversive Potential in sich trägt. Umso wichtiger ist der Satz „Das Private ist politisch!“, solange er erweitert wird durch „Und wie Du vögelst erst recht!“

Frauen* ihre Sexualität abzusprechen ist kein neues Phänomen. Im 18. Jahrhundert wurden weibliche „Erkrankungen“ wie etwa erotische Fantasien dadurch behandelt, dass Orgasmen mit diversen Hilfsmitteln herbeigeführt wurden. Man nannte diese „Krankheit“ Hysterie – umso mehr zeigt also auch am heutigen Sprachgebrauch, von hysterischem Verhalten zu sprechen, wie sehr sich die Unterdrückung von Frauen* und die Marginalisierung ihrer Körper im Alltag verankert haben. Der Arzt George Taylor erfand 1869 den „Manipulator“ (quasi den ersten Vibrator), der Frauen* die Hysterie austreiben sollte. Noch in den 1920er Jahren wurden Vibratoren als medizinische Instrumente beworben, die Hysterie vorbeugen und „Jugend und Schönheit“ von Ehefrauen* erhalten sollten.

Im Nationalsozialismus wurden Männer, die Sex mit anderen Männern hatten, nach Paragraf 175 verhaftet und in den Konzentrationslagern mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet. Sie wurden verfolgt, gedemütigt, eingesperrt und ermordet. Lesbische Frauen* dagegen wurden weder als lesbisch bezeichnet, noch wurden sie mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet. Dennoch wurden sie auf die gleiche Art und Weise verfolgt und ermordet – doch wurden sie als sogenannte "Asoziale" verhaftet und in die Konzentrationslager gebracht. Denn der Sex, den Frauen miteinander hatten, diente schließlich nicht der Reproduktion des "Volkskörpers", es wurde als "asozial" kriminalisiert. Es wäre unvorstellbar gewesen, sie aufgrund ihrer Sexualität zu verfolgen, denn damit hätte man ihnen doch zugesprochen, eine eigene Sexualität und ein eigenes Begehren zu haben. Sex zwischen Frauen*, der existierte in den Augen der Gesellschaft nur, um zuschauende Männer zu erregen. Eigene Lust? Hätte man sich nie eingestanden.

Dass Frauen* tatsächlich eigene Lust haben, wissen, was ihnen gefällt, wo sie berührt werden wollen oder sich selbst anfassen und sich artikulieren können, ist nach wie vor tabuisiert. Damit würde man sie in einem ganz anderen Licht sehen. Plötzlich müsste man akzeptieren, dass Frauen* Dinge nicht nur zur eigenen Reproduktion oder zur Befriedigung eines Mannes tun, sondern aus einer Lust heraus, die der eigenen Befriedigung und nichts anderem dient.

Und nun schreibt der Spiegel was über die Sexualität von cis-Frauen (die Frau an sich kennt nämlich nur ein einziges Begehren), muss aber im gleichen Atemzug noch betonen: Sie bleiben trotzdem treu. Wie groß wäre wohl der Aufruhr, wenn Frauen* sich so wie Männer schon seit langem, den Sex nehmen würden, den sie wollen, dann, wenn sie gerade Lust haben, sich durch die Welt vögeln würden, einfach, weil sie da gerade Lust drauf haben? Da, wo es gerade um die Befreiung als emanzipatorischen Erfolg des Feminismus geht, muss man gleich wieder eine Begrenzung schaffen: Treu bleiben sie trotzdem.

Warum ist es dem Spiegel wohl so wichtig, zu titeln, dass vaginale Orgasmen eine Erfindung sind? Es geht nicht darum, Frauen* zu empowern und ihnen zu zeigen, dass sie richtig sind, obwohl sie vaginal keine Orgasmen haben. Es geht darum, ihnen einmal mehr die eigene Sexualität abzusprechen, es klingt wohl eher nach: Macht euch keine Hoffnung! Beim Sex habt ihr eh keinen Spaß, also erwartet es erst gar nicht! Der Spiegel scheint weibliche Lust derart zu ökonomisieren und auf Leistung und Effizienz zu untersuchen, dass sie plötzlich messbar ist und vermessen werden kann. Klar, Frauen* haben keinen Sex, weil sie Spaß daran haben, sondern nur, weil sie damit entweder produzieren (Fortpflanzung) oder einen Mann leistungseffizient zum Orgasmus bringen wollen.

Vor Kurzem verfasste Alison Stevenson auf dem Vice-Blog den Artikel „Why I don’t give Blowjobs“, in dem wahrscheinlich mindestens tausend Mal so viel Wahres stand wie in der neuen Spiegel-Ausgabe insgesamt zwischen den Zeilen zu finden ist. Denn sie nimmt Raum ein. Sie wagt es, so egoistisch zu sein, wie es die meisten Typen sind, wenn sie beim Sex fragen, ob es „gut sei“, ohne auf eine Antwort zu warten. Und genau deswegen täuschen wohl auch Frauen* Orgasmen vor: Typen sollen wissen, dass sie’s können. Hier knüpft auch Kirsten von Sydow an. Denn auch sie stellt fest, dass sie viele Frauen* erlebe, die beim Sex alles mitmachen, weil sie Angst haben, den Partner zu verlieren.

Für Frauen* ist es oft undenkbar, das eigene Begehren zu formulieren und deutlich zu sagen, was sie erregen würde. Das gehört eben nicht ins Frauen*bild. Aus keinem anderen Grund benennt man die weibliche Vulva als „Scheide“ – das Ding, wo ein Schwert reingesteckt wird, eine andere Funktion hat die Schwertscheide nicht. Deshalb spricht man von einem „Jungfernhäutchen“, sodass Frauen*, sobald diese Haut gerissen ist, nicht mehr „unschuldig“ sind. Sex ist eine Sünde, die Frauen* (monogam, heterosexuell und treu) natürlich nur tun dürfen, um ihren Partner zu befriedigen. That’s it. Kein Raum für mehr, kein Raum für Worte, die beschreiben könnten, was sich gut anfühlen würde.

Erst hieß dieser Text nur „Was sie mir über meinen Sex erzählen“. Aber mich treibt der Gedanke um, wie wir aus all der Erniedrigung und dem alltäglichen Marginalisieren von Frauen* und Sexualität, Kraft ziehen können.

Denn ich glaube, dass Sex subversiv sein kann.

Warum löst lesbischer Sex wohl so viel Wut aus? Es scheint für einige Dudes unerträglich zu sein, festzustellen, dass sie gar nicht als sexuell interessant wahrgenommen werden. Unfassbar, Frauen*, die ohne Penis können! Eine Welt, die sich nicht um Penisse dreht! Frauen*, die nur miteinander schlafen und sich gegenseitig berühren, weil es ihnen gefällt, weil es Lust bereitet und sie erregt! Die Vorstellung, dass Frauen* dieses Begehren entdecken und feststellen, dass sie dafür gar keinen Penis brauchen, das muss der Untergang des Abendlandes sein.

Warum löst die Debatte um Sexarbeit so viel Wut aus? Nicht etwa, weil man Sexarbeiterinnen* beschützen möchte, wie es immer gern als paternalistisches Argument vorgehalten wird. Nein, es ist die Entkopplung von Sex von der Liebe und von Partner*innenschaft. Frauen*, die selbstbestimmt entscheiden, mit wem sie schlafen, die die Preise festlegen und entscheiden, zu welchen Handlungen sie bereit sind. Es sind die Sexarbeiterinnen*, die zeigen, dass es möglich ist.

Ich glaube auch, dass Sexualerziehung und das Lernen einer Sprache für Sex und den eigenen Körper ein subversives Potential beinhalten. Denn wir können es schaffen, Menschen eine Sprache finden zu lassen, Worte in den Mund zu nehmen und eigenes Begehren zu beschreiben. Frauen* wissen sehr wohl, was ihnen gefällt, wie sie berührt werden wollen und wie sie sich Sex vorstellen. Was wäre wohl, wenn wir lernen würden, das auch so zu artikulieren, wie Alison Stevenson es in ihrem Text tut? 

Ich bin mir sicher, dass dieses Potential besteht und diese Welt gewaltig ins Wanken bringen kann, wenn Frauen* sagen, was sie wollen und wie sie* begehren, wenn wir Konsensprinzipien verinnerlichen und als Voraussetzung für Sex sehen und jede Handlung, die wir wollen, auch mit einer Sprache bejahen, lernen, Sex zu bezeichnen und Begriffe wie Monogamie, Monosexualität und Treue neu diskutieren.

1 Kommentar:

  1. Hach! <3

    was dazu passt:

    Sookee: Einige meiner besten Freunde sind Männer
    http://youtu.be/lh40mwtGt18

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