Mittwoch, 16. März 2016

Schluss mit dem Kuschelfeminismus

Wenn es ein in den letzten Jahren gewachsenes Phänomen in feministischen Diskursen und Dynamiken gibt, dann ist es wohl die Bereitschaft, sich zu Kampagnen und Bündnissen, meist mit Hashtag versehen, zusammenzuschließen, um sich im Mainstream-Diskurs Gehör zu verschaffen. Das ist so mit dem #Aufschrei 2013 passiert, das gleiche Konzept verbirgt sich aber auch hinter der Reaktion auf die Vorfälle der Silvesternacht in Köln. Es passiert etwas, es bedarf einer Antwort darauf und Feministinnen schließen sich zusammen – im Fall von Köln ging es um eine ausnahmsloseAblehnung von „sexualisierter Gewalt und Rassismus“. Und so begrüßenswert es doch ist, den Diskurs nicht dem deutschen Mob, der sich wie die Aasgeier auf jeden Vorfall stürzt, zu überlassen, so stutzig sollte man doch mit Blick auf die Liste der ersten Mitzeichner*innen werden: Hier zeichnen plötzlich Feministinnen mit, die Zionismus als Rassismus bezeichnen, die BDS („boycott, divestment, sanctions“) unterstützen und man muss sich doch fragen, ob das vorher niemand gewusst hat, niemand wissen wollte oder gar niemand problematisch fand.
Ähnliche Gefühle kommen auf, wenn man in der Demonstration zum Frauenkampftag mitläuft und neben feministischen Parolen ein deutliches „Free Palestine“ hört. Nationalfahnen seien verboten, lässt das Organisationsbündnis verlauten, positionieren will man sich zu so etwas aber auch nicht. Man wolle schließlich ein breites Bündnis sein, vereint im Feminismus, an dem Tag soll man kuscheln, am nächsten Tag schreit die andere Seite dann wieder „Kriegstreiber Israel“ – aber das interessiert die Organisatorinnen wenig, es geht schließlich um die große Demonstration.
Das Problembewusstsein geht dabei wohl gegen Null, war es doch 2016 nicht zum ersten Mal eine relevante Diskussion, die das Bündnis bewegt haben sollte.

Ich frage mich doch, wie viel man aushalten muss, wie viel „Diversität“ Bündnisse vertragen und warum es dann doch immer ausgerechnet die Debatte um Antisemitismus ist, die immer wieder ausgeklammert oder als unwichtig deklariert wird. Und da es ja nur um Israel ginge und nichts mit Antisemitismus zu tun habe, reiche dann halt auch das Verbot von Nationalfahnen, um das Bündnis zusammenzuhalten und um sich nicht mit den Positionen der Frauen, die den feministischen Kampftag für ihre israelhassenden Parolen instrumentalisieren, auseinandersetzen zu müssen. Kuschelfeminismus, ahoi!


            We need to talk.


Gerade die Frage nach Bündnissen und wie viel wir in Bündnissen eigentlich ertragen müssen, brachte mich dazu, beim Barcamp Frauen am 12. März eine Session zum Thema „Antisemitismus im Feminismus“ anzubieten. Das Barcamp Frauen ist eine Veranstaltung, die jährlich in Berlin stattfindet, bei der Feminist*innen Raum gegeben wird, in verschiedenen Sessions über Feminismus zu sprechen. Alle Teilnehmenden können Sessions anbieten. Bisher immer ein Raum, an dem gute Diskussionen stattfanden.

In meiner in der Facebook-Veranstaltung des Barcamps veröffentlichten Ankündigung der Session fanden sich lediglich eine Beschreibung des geplanten Inhalts und ein Verweis auf Laurie Penny und Angela Davis, die die Kulmination aus feministischem und pro-palästinensischem Aktivismus bestens verkörpern. Eine Feststellung, dass Laurie Penny an keiner Stelle als Antisemitin bezeichnet wurde, ist bis hierhin wohl irrelevant, wenn auch abstruse Äußerungen ihrerseits über Israelboykott und absolut „witzige“ Sprüche über gehäutete Banker recht schnell zeigen, wessen Geistes Kind sie ist.

2013 saß ich anlässlich des Frauenkampftages mit Laurie Penny und der indischen Frauenrechtlerin Urvashi Butalia auf einem Podium der Friedrich-Ebert-Stiftung und die lebhafteste Erinnerung meinerseits bleibt bis heute der Mann, der aus dem Publikum aufstand, uns bepöbelte, seiner Misogynie freien Lauf ließ und sich weigerte, das Mikrofon wieder zurückzugeben. Ja, das war ein verbindender Moment, gemeinsam verbal auf einen Masku einzuschlagen – schließlich steht man ja auf der gleichen Seite, Feminismus verbindet, wir zusammen gegen den Rest der Welt und so.

Aber der All together-Kuschelfeminismus scheint dann, am Vorabend des Barcamps ein sehr offensichtliches Ende gefunden zu haben, wird sie mal nicht als Ikone gehuldigt, sondern kritisiert. Durch ihre Verlegerin auf meine Session-Ankündigung aufmerksam geworden, verlangt Laurie Penny in einer Öffentlichkeit von 130.000 Followern auf Twitter eine Erklärung meinerseits, wieso ich sie als Antisemitin bezeichnet hätte.
Der Absurdität ihres Verhaltens muss man sich erstmal bewusst werden: Gerade eine feministische Aktivistin, die sich doch der Unkontrollierbarkeit eines Mediums wie Twitter bewusst sein sollte, wirft ihrem Publikum eine andere Feministin mit deutlich kleinerem Account (2.000 Follower) zum Fraß vor. Sie, die gewiss schon mehrfach online zerrissen wurde und weiß, was Online Harassment bedeutet. Aber kaum geht’s darum, den eigenen Hass auf Israel zu verteidigen, ist eben Feminismus dann doch irgendwie Nebensache. Und sie hätte es nicht deutlicher machen können – an einer Debatte über Antisemitismus hatte sie zu keiner Zeit Interesse. Hätte sie sich tatsächlich für die Vorwürfe interessiert, hätte sie mir eine Nachricht geschrieben und das Gespräch gesucht. Stattdessen setzt sie, um auf keinen Fall in ihrem Weltbild gestört zu werden, darauf, dass sich die Sache schon erledigen wird und lässt sich von ihrer Gefolgschaft dafür feiern, zu behaupten, ich würde sie mit Hitler vergleichen.

Um es nochmal mit deutlicheren Worten zu sagen: Laurie Penny tat das nicht aus Dummheit. Nicht, weil es das einfachste war und nicht, weil sie sich der Konsequenzen nicht bewusst war. Gerade sie müsste es besser wissen. Sie tat das, weil sie sich zu keinem Zeitpunkt mit dem Diskurs auseinandersetzen wollte. In gespielter Entrüstung fügte sie an, sie sei ja schließlich auch Jüdin und könne deswegen eh nicht antisemitisch sein.

            Getroffene Hunde bellen


Der Shitstorm flachte selbstverständlich nicht ab, wie so etwas funktioniert wird Laurie Penny als Aktivistin durchaus auch schon herausgefunden haben. Immerhin tritt sie doch auch mehrfach in den nächsten Tagen und Wochen in Deutschland zum Thema „Online Harassment“ auf. Aber anstatt in irgendeiner Form zurückzurudern, sah sie sich genötigt, noch am selben Abend einen offenen Brief an die böse, zionistische „deutsche Linke“ zu verfassen. Der Inhalt ihres langen, unschuldig anmutenden Pamphlets lässt sich eigentlich recht kurz zusammenfassen:

Sie, die britische Jüdin, würde von einer Deutschen – die in Pennys beschränktem Bewusstsein für das Judentum anscheinend nicht jüdisch sein kann, sonst würde sie nicht die Dichotomie zwischen deutsch und jüdisch aufmachen – als Antisemitin bezeichnet und mit Hitler verglichen werden; sie, die doch eigentlich nur für die Menschen im „Freiluftgefängnis“ (ihre Worte, na sowas!) Gaza einstehen würde. Es ginge doch gar nicht um die Juden, das würden doch nur die von ihrer Geschichte gebeutelten jungen Deutschen da hereininterpretieren. Eine Darstellung von Antisemitismus als Kulturphänomen par excellence, als wären Worte aus ihrem Mund weniger schwerwiegend als aus meinem Mund, als könnte sie als Jüdin doch niemals antisemitisch sein und nein, sie geht noch viel weiter: Weil die Geschichte ihrer Familie von Verfolgung geprägt gewesen sei, sei es nun ihre Aufgabe, für die unterdrückten Palästinenser*innen einzustehen. Und sowieso, BDS würde zwar ein paar Antisemit*innen anziehen, die das für ihre eigenen Zwecke nutzen würden, aber sie sei doch nur aus Liebe zu den palästinensischen Menschen für einen Boykott Israels.
Achso - selbstverständlich kein Wort über die Hamas. Aber dafür hat das Pamphlet wohl einfach keinen Raum gelassen, das hätte ja was mit realistischer Auseinandersetzung mit der Situation der Palästinenser*innen zu tun gehabt…

So versöhnlich und vermeintlich erschrocken Laurie Penny ihren Brief auch formulieren mag, er ist und bleibt lediglich eine vorgeschobene Entschuldigung, warum es ausgerechnet ihr doch erlaubt sein müsste, Israel zu kritisieren und Boykott abzufeiern. So vorhersehbar der Inhalt dieses Textes auch gewesen sein mag und so oft wir das auch noch von absolut austauschbaren Menschen hören werden, umso klarer wird, wie sehr sie sich in Erklärungsnot befindet – was umso deutlicher wird, versucht man auch nur einmal ihre Argumentationsstränge auf ein beliebiges anderes Thema zu übertragen.

            Die antifaschistischen Antizionistinnen


Es braucht keine Laurie Penny, die sich öffentlich auf Twitter dafür feiern lässt, Israel zu boykottieren, die „Witze“ über gehäutete Banker macht und von einem „Freiluftgefängnis“ spricht. Gerade der Zusammenhang zwischen Feminismus und Antisemitismus ist kein neuer und auch kein sonderlich überraschender, wie man spätestens beim Blick auf die Geschichte feststellen kann. Sprach man gerade aus einer feministisch-theologischen Perspektive oft davon, dass das Judentum der Inbegriff des Patriarchats sei und dass diese Benennung lediglich Patriarchatskritik sei, so baute nationalsozialistische Erziehung doch gerade in den 1920er Jahren auf christliche Dogmen auf. Und gerade Feministinnen vereinnahmten die Verfolgung jüdischer und sozialistischer Frauen für sich: Keinerlei Auseinandersetzung mit antisemitischer Ideologie in frauenbewegten Gruppierungen, der alte antisemitische Hut wird weitergegeben und man fing an, sich als Antifaschistin zu bezeichnen und benannte den neuen Feind nicht mehr als „das Jüdische“, sondern als Kapitalismus oder Imperialismus. Israel wurde zum neuen alten Sündenbock und plötzlich standen die neuen antifaschistischen Antizionistinnen mit ihren Friedensdemonstrationen vor jüdischen Einrichtungen, als sei es das Normalste der Welt.

Und nun steht da diese Aktivistin, die sich selbstbewusst als antikapitalistisch bezeichnet und das Wort Klassenkampf wieder trendy machen will, die sich zum Sprachrohr der Armen und Unterdrückten erkoren fühlt und alle Unterdrückten der Welt vereinigen möchte. Sie, die vom Patriarchat Unterdrückte, will sich mit allen anderen Unterdrückten der Welt solidarisieren – besonders wenn sie unter dem Joch des imperialistischen Zionismus zu leiden hätten.

Sogar in der Barcamp-Session selbst ließen es sich die Penny-Fangirls und Konsorten nicht nehmen, in beeindruckender Menschenrechtsrhetorik zu erklären, warum Kritik an Israel angebracht und die Shoa der Grund sei, warum Kritik erst recht legitim sei. Fast schon belustigend wurde jedes klassische Beispiel für derailing ausgespielt, als würde man den Trumpf aus dem Ärmel schütteln, würde man mich persönlich angreifen oder sich einzelne Fragmente meines Eingangsvortrages herauspicken, um sich selbst in Sicherheit zu wägen. Und es funktioniert: Es wird letztlich dann doch über Personen gesprochen, warum ich eine schlechte Referentin sei und warum Penny, die britische Jüdin, keine Antisemitin sein könnte. Nicht mehr Antisemitismus als Phänomen ist das Thema, nicht Antisemitismus als System, das sich mit der Zeit als Pauschalangebot in feministische Ideologien eingenistet hat. Als müsste ich mich erklären und meinen eigenen Background offenlegen, sobald ich über Antisemitismus spreche, stellte sowohl Penny online als auch durch ihre Verlegerin bei der Barcamp-Session in den Raum, sie sei ja schließlich auch Jüdin. Eine Darlegung der eigenen Identität zu fordern ist im politischen Diskurs in jeder anderen Identitätsfrage ein absolutes Tabu: niemals würde eine Person, die zu LGBT referiert sich vorher erklären müssen, doch kaum geht es um Israel, sind die erwartungsvollen Blicke auf diejenige gerichtet, die das böse Antisemitismus-Wort ausgesprochen hat. Verlässt man den samtweichen Boden des Kuschelfeminismus, wird mit ganz anderen Karten gespielt – dafür war dieser Disput mit Laurie Penny ein beeindruckendes Beispiel.

Die moralische Entrüstung funktioniert. Mit dem Bild des bewaffneten israelischen Soldaten, der dem wehrlosen palästinensischen Kind gegenübersteht, im Kopf, ist es einfach, sich selbst, als Frau im Patriarchat, mit dem Jungen mit der Steinschleuder zu identifizieren und es als absolut notwendig zu erachten, die „Kauft nicht bei Juden!“-light-Variante als Moment des eigenen politischen Verständnisses zu verteidigen.

            Politiken versus Kuschelkurs


Mit einem hatte eine der Teilnehmerinnen ganz recht: Wir kommen nicht nur als Feministinnen zusammen. Politische Sozialisierung funktioniert anders, ist vielschichtiger und wie sich gezeigt hat: Man ist not amused, wenn es doch auf politischen Diskurs ankommt, der darüber hinausgeht, Sexisten zu blocken und gemeinsam Maskus anzuschreien. Die Entrüstung ist groß, dabei gibt man sich doch so viel Mühe, immer wieder zu betonen, man sei gegen Antisemitismus, das stand ja schließlich auch im Demo-Aufruf! Und da es Laurie Penny und all den anderen Verfechterinnen legitimer „Israelkritik“ doch ganz sicher um das Leben der unterdrückten Palästinenser*innen geht, werden sie dann ja gewiss auf der nächsten Frauenkampftags-Demonstration auf das deplatzierte „Free Gaza!“-Geschrei ein absolut überzeugtes „From Hamas!“ erwidern – oder eben einen offenen Brief schreiben, auf Twitter die 130.000 Follower mit falschen Beschuldigungen bei Laune halten und Vorträge über Online Harassment halten.



An English version will follow tomorrow.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Text, aus dem ich erfahren konnte, was im Vorfeld des Barcamps und beim Barcamp selbst passiert ist. Ich hoffe, dass der Shitstorm inzwischen abgeflacht ist, und ansonsten wünsche ich dir viel Kraft und viel Unterstützung durch andere Menschen.

    P.S. Hast du noch einen Bezug zu Hannover? Hast du dort studiert? Zur Zeit sind Schneiderberg 50 und Im Moore 21 meine liebsten Orte in Hannover.

    AntwortenLöschen
  2. sehr aufschlussreich, offen und ehrlich. vielen dank für die interressante info und viel erfolg!

    "du hast keine chance aber nutze sie!"(h.achternbusch)

    AntwortenLöschen